Urs Casty

Urs Casty (49) hat seine Karriere im Rohstoffhandel begonnen. Bis er 28-jährig «den Sinn und Spass» verlor. Weil sein Berufseinstieg nicht ideal war, widmete er sich seit 1994 seinem wahren Interesse: dem Thema Jugend und Karriere. 2008 gründete er die Online-Lehrstellen-Netzwerke yousty.ch und yousty.de.


Von Algorithmen und Eignungs-Checks

Sind Algorithmen die besseren Recruiter? Können «Maschinen» oder können wir dank «Machine Learning» die Zusammenführung des geeigneten Mitarbeiters zur richtigen Stelle in der richtigen Firma wesentlich verbessern?

Der Trend ist jedenfalls eindeutig. Eine Unmenge solcher Lösungen drängen auf den Markt und werden – das ist meine Vorhersage – einen relevanten Marktanteil gewinnen.

Wie immer interessiert mich im Besonderen der Jugendmarkt. Dort hat sich über viele Jahre eine «Testkultur» etabliert.

Leere Lehrstellen – das Passungsproblem

Mich beschäftigt zurzeit ein Thema stark und ich wundere mich, dass weder die Medien noch die Öffentlichkeit es öfter aufgreifen.

Mit dem Risiko, dass mein heutiger Beitrag nur die Leute anspricht, die sich vertieft mit dem Thema Jugend und Arbeitsmarkt beschäftigen, möchte ich das aktuelle «Passungsproblem» etwas näher durchleuchten. Denn es ist zentral. Zentral für die Jugend und die Eltern. Zentral für den Arbeitsmarkt in der Schweiz.

Schnuppertage – kein Auslaufmodell

Ohne Schnuppern kann man keine vernünftige Job-Entscheidung treffen – so meine heutige Behauptung. Dies gilt sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber.

Natürlich lernt man sich in einem Bewerbungsgespräch persönlich kennen, man hat die Qualifikationen vor Augen und beide versprechen sich gegenseitig das Blaue vom Himmel: So ist der Arbeitnehmer stets belastbar, aufnahmefähig und effizient und der Arbeitgeber verspricht immer abwechslungsreiche Aufgaben, gute Aufstiegsmöglichkeiten und einen ausserordentlichen Teamzusammenhalt. Doch sollte man sich wirklich darauf verlassen? Ich meine nein! 

Kampf den Stellenanzeigen!

Zum Start im neuen Jahr wage ich mal was: Ich plädiere für die konsequente Abschaffung von Stellen-Inseraten. Und zwar offline wie online!

Entstanden ist das Inserat in einer Zeit, wo Firmen Mitarbeitende ausschliesslich selektionieren mussten. Die Checkliste der Erwartungshaltung an die Kandidaten mit einem Logo sowie zwei Zeilen Firmeninformationen, die sich mehr gleichen als ein Ei dem anderen, ist veraltet und entspricht nicht mehr den heutigen Erwartungen.

Lehre besser als Uni-Abschluss?

Zwei Drittel aller ​Jugendlichen oder rund 66’000 junge Leute wählen in der Schweiz jährlich eine Lehrstelle. Fast 5000 haben beim Lernendenbarometer von yousty.ch ihre Meinung zur Zufriedenheit in der Lehre geäussert.​ ​Noch nie war eine Studie in diesem Bereich so repräsentativ.

Aber was lernen Firmen und HR-Verantwortliche oder auch Eltern und Lehrer aus den Resultaten? Hier die wichtigsten Ergebnisse:

Alle sind online – nur die Jugend nicht.

Sind Sie in Ihrem Umfeld mit Jugendlichen in Kontakt? Welches Bild sehen Sie vor sich, wenn Sie diese beobachten?

Sie sind am Handy! Aktuelle Studien zeigen, dass überall in der Schweiz und zwar wirklich überall, also auch in meinem Heimatkanton Graubünden (in der hintersten Ecke sozusagen), 100% Internet-Erreichbarkeit herrscht, und dass damit verbunden die Jugendlichen 24/7 (24 Stunden und 7 Tagen die Woche) online sind (James Studie). Sie sind es sich gewohnt, dauernd zu kommunizieren, zu kommentieren, Bilder und Inhalte zu teilen, Musik und Filme zu konsumieren und allenfalls sogar Inhalte für die Schule zu finden und zu erarbeiten.

Lehrstellen besetzen? Kein Problem!

Wie Sie vielleicht wissen, widme ich mich hauptberuflich dem Thema «Besetzung von Lehrstellen». Die von mir im Jahr 2008 gegründete Plattform Yousty.ch betreut 600 Firmen und wir haben seit der Gründung mit über 7000 Unternehmen gesprochen. Vor allem mit Personalleitern, HR-Managern oder Lehrlingsverantwortlichen.

Hier meine Erkenntnisse, auf welche ich anschliessend eingehe:

HR im Rollenwandel

Seit vielen Jahren verfolge ich Studien über die Jugend und ihr Verhalten. Die Anzahl der Studien ist enorm (Shell-Jugendstudie, Jim- oder James-Studie etc.), denn alle versuchen zu ergründen, wie die Jugend tickt. Es gilt: Wer sie versteht, kann die Produktentwicklung, das Marketing aber auch die (Schul- und Berufs-)Bildung besser an ihr ausrichten und davon profitieren.