Die Digitalisierung der Sozialpartnerschaft – oder: die Gig Worker Union

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PersonaldienstleistungWie organisiert sich eine Gewerkschaft, wenn die Arbeitnehmer ihre Jobs häufig wechseln, Pausen zwischen den Jobs einlegen und manchmal mehrere Jobs oder Gigs gleichzeitig ausführen?

Das alles wird und ist bereits Realität in der aufkommenden Gig Economy. Über diverse digitale Plattformen werden Aufgaben und Projekte ausgeschrieben. Melden kann sich, wer interessiert und qualifiziert ist für den Job. Dank der Digitalisierung wird es für Unternehmen und Leistungserbringer einfacher, sich unkompliziert zu finden. Es entstehen Jobs, die in der rigiden Struktur der Festanstellung nicht zustande kämen.

Arbeitsmarkt immer flexibler

Aber nicht nur die Plattformarbeit führt zu einer Zerstückelung des Lebenslaufs. Generell geht der Trend in Richtung mehr Flexibilität, Abwechslung und just-in-time-Kooperationen. Temporärarbeit, Projektarbeit und befristete Anstellungen sind Arbeitsformen, die nebst der traditionellen Festanstellung zunehmend angeboten und nachgefragt werden. Unternehmen gewinnen dadurch mehr Flexibilität, um sich dem rasch wandelnden Umfeld anpassen zu können. Arbeitnehmer oder Leistungserbringer finden mit diesen Arbeitsformen Wege, um die verschiedenen Aspekte ihres Lebens – Beruf, Aus- und Weiterbildung, Familie, Freizeit – besser aufeinander abzustimmen und sich zu verwirklichen.

Soviel zu den Vorteilen des flexiblen Arbeitsmarkts. Doch wie alles in der Welt, hat auch die flexible Arbeit eine Kehrseite: Die Unternehmen müssen den richtigen Mix aus flexiblen und festen Arbeitsstellen finden, damit sich der Know-how-Aufbau durch langjährige Teammitglieder und der Perspektivengewinn durch neue Mitarbeiter die Waage halten. Und die flexiblen Mitarbeiter müssen sich gut organisieren, damit sie für verdienstfreie Zeiten gut abgesichert sind und ihre Arbeitsmarktfähigkeit ständig weiterentwickeln können.

Zwei neue Geschäftsfelder für die Gewerkschaften

Damit sind zwei Felder abgesteckt, auf denen sich digital fitte Gewerkschaften entfalten könnten. Zerstückeln sich die Lebensläufe, braucht es vielleicht neue Systeme, um sich für die Erwerbszwischenphasen finanziell und gegen allfällige Krankheitsrisiken abzusichern. Das ist eine Aufgabe, die sich privatwirtschaftlich über eine Versicherung organisieren lässt. Es könnte aber auch eine staatliche Aufgabe werden. Oder eben ein Geschäft, mit dem sich die Gewerkschaften profilieren können.

Die Weiterbildung ist das zweite Geschäftsfeld, das in der Gig Economy vermutlich neu organisiert werden muss. Je loser das Verhältnis zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Leistungsbezüger und Leistungserbringer wird, desto kleiner wird der Anreiz des Unternehmens, in die Weiterbildung seiner Mitarbeiter zu investieren. Denn das Unternehmen kann das aufgebaute Knowhow genauso wenig an sich binden wie den flexiblen Mitarbeiter.

Also stellt sich auch hier die Frage, wer für die Weiterbildung aufkommt. Denn Weiterbildung ist zentral. Das wissen wir. Und wenn sich die vielfach gehörten Prognosen bewahrheiten, dass sich die Halbwertszeit des Wissens ständig verkürzt, wird Weiterbildung noch wichtiger.

Es sind verschiedene Systeme denkbar, wie die Weiterentwicklung der Arbeitsmarktfähigkeit in der Gig Economy sichergestellt werden kann. Wiederum können die Individuen selbst, der Staat und/oder die Sozialpartner daran beteiligt sein.

Digitalisierung als Chance für die Gewerkschaften

Aber wie kommen die Gewerkschaften an die Gig Worker heran? Sie arbeiten mal da, mal dort – sowohl in betrieblicher als auch in geographischer Hinsicht. In einer digitalen Welt ist das allerdings kein Problem. Wenn es den Unternehmen gelingt, ihre Mitarbeiter weltumspannend über digitale Kommunikationskanäle zu organisieren, sollte das auch den Gewerkschaften gelingen. Aus verschiedenen Kontexten wissen wir, dass die politische Mobilmachung über das Internet und soziale Netzwerke sogar viel einfacher geworden ist.

Insgesamt gehe ich sogar so weit zu sagen: Die Digitalisierung ist keine Herausforderung, sondern eine grosse Chance für die Gewerkschaften!

Doch jetzt genug des Rats an die Gewerkschaften. Als Arbeitgebervertreterin ist meine Aufgabe eine andere. Doch bin ich überzeugt, dass der Arbeitsmarkt von starken Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertretungen profitiert. In diesem Sinne ist mein Ratschlag auch als ausgestreckte Hand zu verstehen, die Zukunft des Arbeitsmarktes gemeinsam zu gestalten und diese nicht den Händen des Gesetzgebers zu überlassen.

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