Wenn die Patchwork-Kinder in der Chefetage ankommen

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HR-PraxisZugegeben: Diese Thematik ist noch etwas verfrüht. Doch die Patchwork-Familien machen laut Bundesamt für Statistik mittlerweile knapp 10 Prozent unserer Gesellschaft aus – Tendenz steigend.

Selbst auf die Gefahr hin, dass die folgenden Zeilen etwas hypothetisch klingen, ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich verändernde Gesellschaftsformen zunehmend auch auf das Führungsverständnis auswirken werden. Einen Aspekt bildet die Übertragung von Themen der Patchwork-Familie auf die Arbeitswelt.

Junge Erwachsene und Kinder werden in dieser Form des Zusammenlebens mit sich stets verändernden Herausforderungen konfrontiert, welche die Werthaltung im späteren Leben zu einem grossen Teil mitprägt. So führt zum Beispiel der Bruch der Ursprungsfamilie zu einer inneren Destabilisierung, welche alle Betroffenen dazu zwingt, ihre Rollen ständig neu zu finden. Die Kinder befinden sich dadurch vielfach im Spannungsfeld zweier Erwachsenenwelten. Die daraus entstehenden Verunsicherungen, oder gar Verletzungen, zwingen die jungen Menschen oft dazu, schneller als gewünscht erwachsen zu werden. Einige Beispiele, die diese These stützen:

  • Die Gefahr des übersteigerten Pflichtgefühls oder einer ausgeprägten Selbstdisziplin, mit dem Fokus, fehlende Zuwendung wo immer möglich zurückzuholen.
  • Ein auf sich allein gestellt sein verlangt nach einer Strategie, wie es gelingt, mit den Unsicherheiten im sozialen Umfeld umzugehen und eigene Lösungsansätze für persönliche Herausforderungen zu finden.
  • Die rasche Anpassungsfähigkeit in die verschiedenen Welten einzutauchen ist ebenso zwingend, wie die Versuchung, durch manipulatives Verhalten die eigenen Bedürfnisse durchzusetzen.

Der individuelle Umgang mit den Eltern ist einem ständigen Spannungsfeld ausgesetzt. Das Verhalten zwischen Integration und Kompromiss, kann sich zu einem Seiltanz entwickeln, will man nicht als Spielball einer gescheiterten Beziehung enden. Das kann im späteren Erwachsenenleben zu Herausforderungen, respektive einer neuen Herangehensweise im Umgang mit typischen Führungssituationen führen und sich wie folgt positiv äussern:

  • rasche Anpassung an sich verändernde Situationen
  • hohe Flexibilität mit dem Anspruch, klare Strukturen zu schaffen
  • Fähigkeit durch hohe Empathie andere Menschen zu fördern
  • das Wissen um die eigenen Stärken, schafft ein Umfeld des Vertrauens
  • ein hohes Mass an Selbständigkeit fördert diese Eigenschaft auch im Umfeld und bestärkt andere in deren Handeln

Sind jedoch Ereignisse aus der Vergangenheit nicht aufgearbeitet und trüben Groll und Wut den Blick, so kann sich das Erlebte auch negativ manifestieren:

  • in einem manipulativen Verhalten, das auf die Schuldgefühle des Gegenübers abzielt
  • man als Einzelkämpfer nicht in der Lage ist, sich ins Team einzubringen
  • einem verstärkten Pflichtgefühl folgend, sich und die Bedürfnisse der anderen zu vernachlässigen
  • aufgrund einer auf Komfort beruhenden Erziehung (nach dem Prinzip: je mehr ich verwöhne desto geringer meine Schuldgefühle), ist der erwachsene Mensch nicht bereit, sich herausfordernden Situationen zu stellen

Speziell auf die Führung bezogen müssen Patchwork-Kinder sich durch Selbstreflexion von allfälligen Schuldzuweisungen lösen. Dann werden sie als neue Generation den Führungsbereich mit ihrer menschlichen Kompetenz durchdringen und langfristig bereichern.

Ob Sie den vorliegenden Text nun aus der Sicht der Patchwork-Eltern, als Patchwork-Kind oder als interessierte Aussenstehende lesen: Das Wissen um diese Mechanismen kann die Zusammenarbeit, das Zusammenleben sowie unser Denken und Handeln in deren Transformation unterstützen.

4 comments for “Wenn die Patchwork-Kinder in der Chefetage ankommen

  1. Sam Mueller
    22. September 2021 um 22:58

    Diese Sichtweise erscheint mir nun doch etwas sehr eindimensional. Tragen Kinder aus Patchwork-Familien oder solche, die in zwei Haushalten aufwachsen, tatsächlich ausschliesslich negative Erfahrungen aus diesem Lebensabschnitt in ihr Erwachsenenleben? Ich weiss aus persönlicher Erfahrung, dass die oft sehr monoperspektivische Erziehung in so genannt «intakten Familien» zu einem einigermassen einseitigen Weltbild führen kann. Meine eigenen Töchter, die zu gleichen Teilen in zwei verschiedenen – sich zwar nicht bekämpfenden, aber dennoch in verschiedenen Punkten unterschiedlich funktionierenden – Haushalten aufwachsen, haben bereits als Teenager ausgeprägte Fähigkeiten, abweichende Ansichten, Grundhaltungen und eben auch Perspektiven zu erkennen, zu akzeptieren und diese in ihren persönlichen Handlungsentscheiden auch zu berücksichtigen. Ich erachte das als grossen Mehrwert, der später durchaus auch im Berufsleben als «stabiler Boden» Sicherheit vermitteln und einen wohlüberlegten Umfang mit Konfliktsituationen, divergierenden Fachbereichsinteressen u.ä. Anwendung finden könnte.

    • 23. September 2021 um 10:06

      Lieber Herr Müller

      Besten Dank für Ihre Anmerkungen. Ich konnte leider die ausschliesslich negativen Erfahrungen, wie Sie schreiben, in meinem Artikel nicht finden. Mir geht es bei diesen Gedanken mehr um eine differenzierte Betrachtungsweise mit Potential zu konstruktiven Entwicklungsmöglichkeiten. Ich kenne die Vielfalt dieser Thematik aus persönlicher Erfahrung und bin fernab von einer Wertigkeit.. Die Herausforderung aus solchen Familienkonstellationen ist allerdings nicht von der Hand zu weisen…
      Beste Grüsse
      Markus Marthaler

  2. Marthaler Markus
    15. September 2021 um 14:46

    Ganz herzlichen Dank für die wertvolle Ergänzung.
    Liebe Grüsse
    Markus Marthaler

  3. 15. September 2021 um 13:41

    Interessant und differenziert formuliert. Wir haben natürlich längst zu beobachtende Menschen in allen Positionen aus den heute Patchwork genannten Verhältnissen, spätestens seit den 68-ern.
    Das zu frühe Erwachsen werden (müssen) trifft vermutlich für viele, die in Trennungs- und Patchwork-Situationen aufgewachsen sind zu.
    Viele Fähigkeiten, hilfreiche Coping-Strategien und so manche seelische Verletzung, die wir (vielleicht) in einer konstanten Familiensituation weniger haben. Doch auch nur dann, wenn dies eine gewünschte und liebevolle Konstante war. Hier scheint mir durchaus berechtigt nachzudenken, was solch kausale Vermutungen wie hier geäussert wirklich bringen. Nachdenken über hilfreiche, liebevolle Beziehungs-Erziehungbedingungen und deren Auswirkungen ist immer sinnvoll.

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