Psychologische Sicherheit als Hochleistungssport?

Armin Ziesemer Karriere

Früher war Karriere vergleichsweise einfach. Man arbeitete viel, blieb angepasst, unsichtbar, übernahm Verantwortung und hoffte darauf, irgendwann die nächste Stufe der organisationalen Treppe zu erreichen. Heute ist Karriere deutlich anspruchsvoller geworden. Nicht unbedingt fachlich. Sondern atmosphärisch. Es gilt: Alle dürfen alles sagen – solange es karriereförderlich formuliert ist.

Moderne Organisationen wünschen sich Mitarbeitende, die gleichzeitig:

  • ambitioniert, aber nicht egoistisch,
  • sichtbar, aber nicht dominant,
  • kritisch, aber nicht anstrengend,
  • authentisch, aber bitte emotional reguliert auftreten.

Mit anderen Worten: Karriere entsteht heute weniger durch Leistung allein als durch die Fähigkeit, sich professionell anschlussfähig zu bewegen.

Hier kommt ein Begriff ins Spiel, der in kaum einer Führungsausbildung fehlt: psychologische Sicherheit.

Offiziell bedeutet sie, dass Menschen ihre Meinung äussern dürfen, ohne Angst vor negativen Konsequenzen haben zu müssen. Praktisch bedeutet sie in manchen Organisationen:

«Du darfst alles sagen – solange du dabei niemanden irritierst, die Strategie nicht gefährdest und weiterhin entwicklungsfähig wirkst.»

Das verändert Karrierelogiken erheblich. Früher musste man lernen, Konflikte auszuhalten. Die Frustrationstoleranz war hoch. Heute muss man lernen, Konflikte so elegant zu formulieren, dass sie gleichzeitig mutig, reflektiert, lösungsorientiert und organisationskompatibel erscheinen.

Karriere wird damit zum kommunikativen Hochleistungssport.

Besonders sichtbar wird das in Karrieregesprächen. Dort sitzen Menschen, die seit Jahren auf derselben organisationalen Treppe stehen und versuchen herauszufinden, ob der fehlende Karriereschritt nun:

  • an ihrer Sichtbarkeit,
  • ihrer Wirkung,
  • ihrer Haltung,
  • ihrem Stakeholdermanagement,
  • ihrer «Präsenz»,
  • oder schlicht an der Reorganisation liegt.

Die Organisation antwortet darauf bevorzugt mit Lernwegen. Der nicht erfolgte Aufstieg wird selten als Stillstand bezeichnet. Viel eleganter klingt:

  • «Sie befinden sich in einem wichtigen Entwicklungsprozess.»
  • «Wir sehen grosses Potenzial.»
  • «Es geht jetzt um strategische Reifung.»
  • «Der nächste Schritt braucht noch etwas Zeit.»

Das ist organisational betrachtet hochinteressant. Denn moderne Unternehmen haben eine bemerkenswerte Fähigkeit entwickelt: Sie verwandeln Enttäuschung in Entwicklungssemantik.

Menschen lernen dadurch, berufliche Frustration nicht mehr als Frustration zu erleben, sondern als persönliche Wachstumschance mit Feedbackcharakter.

Die Folge: Viele Mitarbeitende beginnen irgendwann, sich selbst permanent zu optimieren. Sie arbeiten nicht mehr nur an Projekten, sondern an ihrer professionellen Persönlichkeit:

  • Wie wirke ich?
  • Bin ich sichtbar genug?
  • Bin ich klar genug?
  • Bin ich zu klar?
  • Wirke ich ambitioniert oder schwierig?
  • Sage ich zu wenig?
  • Oder schon zu viel?

Das ist der Punkt, an dem Karriere endgültig zur Frage professioneller Individuation wird. Professionelle Individuation bedeutet heute nicht mehr, eine eigenständige Identität zu entwickeln. Sondern es geht um die Fähigkeit, innerhalb organisationaler Kulturen nicht vollständig zur Funktion der Erwartungen anderer zu werden.

Das klingt einfacher, als es ist. Denn viele Organisationen wünschen sich gleichzeitig starke Persönlichkeiten und maximal steuerbare Beziehungen. Menschen sollen Selbstwirksamkeit zeigen – aber bitte ohne allzu starke Irritation des Systems.

Deshalb entsteht in manchen Unternehmen eine eigentümliche Atmosphäre: Alle sprechen über Offenheit, aber alle beobachten gleichzeitig aufmerksam die soziale Temperatur des Raumes. Denn jede erfahrene Führungskraft weiss: Karrieren scheitern selten an Fachlichkeit allein. Oft scheitern sie an Atmosphäre, an falsch verstandener Direktheit, an ungeschickter Sichtbarkeit, an fehlender Anschlussfähigkeit. Oder daran, dass jemand an der «falschen Stelle» zu ehrlich war.

Der Hofnarr als unterschätzte Figur

Hier taucht plötzlich eine Figur auf, die in Organisationen massiv unterschätzt wird: der Hofnarr.

Der Hofnarr besass im Mittelalter eine Fähigkeit, die für Karrieren hochrelevant war: Er irritierte den Raum gewitzt, ohne ihn zu zerstören. Er spricht Spannungen und Missstände an, ohne moralisch zu eskalieren. Und er erinnert Menschen daran, dass Organisationen soziale Systeme sind – keine sterilen Kompetenzmaschinen.

Vielleicht brauchen moderne Karrieresysteme deshalb weniger Hochglanzmodelle und mehr Räume, in denen Menschen Unsicherheit, Ambivalenz und Zweifel ausdrücken dürfen, ohne sofort als «nicht bereit für den nächsten Schritt» zu gelten.

Denn genau hier liegt das Missverständnis vieler Organisationen: Psychologische Sicherheit bedeutet nicht, dass niemand irritiert wird. Sie bedeutet, dass Irritation nicht automatisch Karrieregefährdung bedeutet.

Wie denkst du darüber?

Artikel-Navigation

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert