Teams, die unter hohem Druck Aussergewöhnliches leisten – ob in der Raumfahrt, in der Forschung oder im Unternehmensalltag – stehen vor einer entscheidenden Frage: Wie lässt sich dauerhaft Spitzenleistung erbringen, ohne dabei die Gesundheit zu gefährden? An der nationalen Tagung für betriebliches Gesundheitsmanagement BGM am 15. September im Kursaal in Bern teilt der ehemalige Wissenschaftsdirektor der NASA und heutige Leiter von ETH Zürich Space, Prof. Dr. Thomas Zurbuchen, seine Erfahrungen aus der Führung anspruchsvoller Forschungs- und Innovationsprojekte.
Spitzenleistung verlangt Klarheit
Sie entsteht nicht zufällig. Für Thomas Zurbuchen beginnt sie mit einer klaren Erwartungshaltung. Wer in einem anspruchsvollen Umfeld arbeitet, müsse von Anfang an wissen, worauf er oder sie sich einlässt und unter welchen Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig ist Klarheit für Zurbuchen keine Einbahnstrasse. Jeweils nach 100 Tagen zieht er mit neuen Teammitgliedern gemeinsam eine erste Bilanz: Stimmt die Jobbeschreibung noch? Entspricht die Tätigkeit den Stärken der Person? Falls nicht, wird nachjustiert. Oder es wird offen besprochen, ob ein anderes Aufgabenfeld, auch ausserhalb des Teams, besser passt – nicht als Zeichen des Scheiterns, sondern als Chance. Diese Praxis schützt beide Seiten vor Missverständnissen und beugt Überlastung wirksam vor.
Die Kultur entscheidet
Von höchster Bedeutung für leistungsfähige Teams ist für Thomas Zurbuchen die Teamkultur, deren Gestaltung er als zentrale Führungsaufgabe versteht. Hier ist er unmissverständlich: «Kultur zeigt sich darin, wie Menschen miteinander umgehen, in ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und sich gegenseitig zu unterstützen. Man kann die besten Fachleute der Welt einstellen – wenn die Kultur nicht stimmt, wird das Team sein Potenzial nie ausschöpfen.»

Prof. Dr. Thomas Zurbuchen, Leiter ETH Zurich | Space, Professor für Weltraumwissenschaft und -technologie ETH Zürich. (Bild: NASA / gemeinfrei)
Neue Projekte baut Zurbuchen deshalb bewusst langsam auf. Statt sofort viele Mitarbeitende einzustellen, startet er mit einem Kernteam von zwei bis drei Personen. Diese ersten Mitarbeitenden sind für ihn mehr als Fachleute – sie sind Kulturbotschafter. Gemeinsam mit ihnen entwickelt er ein geteiltes Narrativ: die Vision, die Begeisterung, das Warum hinter dem Projekt. Entscheidend dabei ist, dass alle dieses Narrativ durch eigene Auseinandersetzung verstehen und sich in ihren Worten zu eigen machen. Erst dann entstehen echte Identifikation und langfristiges Engagement.
Gesundheit ist Teamaufgabe
Vor diesem Hintergrund versteht Zurbuchen die Verantwortung für die physische und psychische Gesundheit der Teammitglieder sowohl als Führungs- wie auch Teamaufgabe. Gerade in Hochleistungsumgebungen seien gegenseitige Unterstützung, offene Kommunikation und die Fähigkeit, füreinander einzuspringen, entscheidend. Teams sollten so aufgestellt sein, dass Wissen nicht bei Einzelpersonen konzentriert bleibt und Mitarbeitende sich gegenseitig vertreten können.
Bemerkenswert markant ist seine Einstellung zu Ferien und Erholung: «In meinen Teams ist es für alle obligatorisch, regelmässig Ferien zu nehmen und sich Pausen zu gönnen. Dazu fordere ich aktiv auf, denn sie sind eine zentrale Voraussetzung für nachhaltige Leistungsfähigkeit. Wer dauerhaft am Anschlag läuft, verliert Energie, Kreativität und letztlich auch den Sinn und die Freude an der Arbeit.»
Zwischen Sprint und Marathon
Eine wichtige Rolle spielt in diesem Zusammenhang auch das Tempo, denn Spitzenleistung ist kein Dauerzustand. Erfolgreiche Teams müssen lernen, zwischen Phasen hoher Intensität sowie Phasen der Regeneration und Reflexion zu wechseln. Projektverläufe sind unterschiedlich, mal braucht es den Sprint, mal den Marathon. Nachhaltige Führung bedeutet für Zurbuchen daher, bewusst für Rhythmus zu sorgen und den Wechsel zwischen Belastung und Erholung aktiv zu gestalten.
Diversität als Innovations- und Leistungshebel
Für Zurbuchen gehört auch Diversität zu den zentralen Erfolgsfaktoren leistungsstarker Teams. Unterschiedliche Perspektiven fördern bessere Entscheidungen und erhöhen die Innovationskraft. Besonders hebt er die Bedeutung von Frauen in Führungsrollen und ihren positiven Einfluss auf die Teamperformance hervor. Geschlechterdiversität ist für ihn deshalb oft ein wichtiges Merkmal erfolgreicher Teams.
Was bleibt
Thomas Zurbuchen verdichtet seine Botschaft, die so einfach wie wirkungsvoll ist: Wer Menschen in die richtige Rolle bringt, ihnen Sinn vermittelt, eine tragfähige Kultur aufbaut und ihnen das Gefühl gibt, wirklich unterstützt zu werden, schafft die Voraussetzungen für nachhaltige Höchstleistung und gesunde Teammitglieder.
Prof. Dr. Thomas Zurbuchen
Prof. Dr. Thomas Zurbuchen ist Leiter von ETH Zurich | Space und Professor für Weltraumwissenschaft und -technologie an der ETH Zürich. Von 2016 bis 2022 war er Associate Administrator des Science Mission Directorate der NASA und damit der wissenschaftliche Leiter der US-Raumfahrtbehörde. Er ist Mitbegründer des Center for Entrepreneurship an der University of Michigan und ist Mitglied der International Academy of Astronautics.
Das Fireside-Gespräch «Wie Teams das Unmögliche erreichen – Lektionen von der NASA» mit Prof. Dr. Thomas Zurbuchen an der diesjährigen Nationalen Tagung für betriebliches Gesundheitsmanagement am 15. September 2026 im Kursaal Bern.

