
Vor lauter KPI, Metriken und Automatisierung fragt man sich mithin: Wann kommt eigentlich die Methode, die sogar die Skalierung skaliert? Effizienzehrgeiz in allen Ehren, aber: Wir müssen auch mal ehrlich zu uns selbst sein. Ich helfe dir dabei.
Klappern gehört zum Handwerk, sagte man früher. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass das Klappern selbst zum Handwerk geworden ist.
Kaum ein Recruiting-Event, kaum eine Konferenz, kaum ein LinkedIn-Feed ohne die immer gleichen Versprechen: mehr Automatisierung, mehr Matching, mehr Reichweite, mehr Effizienz. Überall Dashboards, KPIs und Heilsversprechen. Alles wird gemessen, alles wird optimiert, alles wird skaliert.
Nur eine Frage höre ich erstaunlich selten: Wird eigentlich irgendetwas besser?
Stellen wir uns vor, das Handwerk würde nach denselben Prinzipien funktionieren. Das Haus steht bereits nach drei Tagen. Der KPI ist erfüllt oder sogar deutlich übertroffen. Die Durchlaufzeit wurde halbiert. Alles gut also? Nicht ganz. Denn die Wände sind schief. Das fällt dann vermutlich unter «nicht gemessene Variablen». Effizienz ist vom Mittel zum Zweck geworden. Oder schlimmer: zum Selbstzweck. Wir reporten und automatisieren inzwischen mehr, als wir reflektieren.
Die Kunst der Nachahmung
Dabei entsteht eine bemerkenswerte Form der Mimikry. In der Biologie beschreibt Mimikry die erfolgreiche Anpassung an die Umwelt durch Nachahmung. Im Recruiting scheint etwas Ähnliches zu passieren. Wir imitieren Innovation. Wir sprechen die Sprache der Innovation. Wir übernehmen ihre Werkzeuge. Und selbstverständlich feiern wir die Algorithmen, die sie vorantreibt. Doch oft verändern wir nur die Oberfläche. Die Prozesse darunter bleiben erstaunlich gleich.
Oder anders gesagt: Wir haben uns im Industriezeitalter verlaufen und tarnen das mit Innovationsgehabe. Besonders sichtbar wird das gerade beim Thema KI.
Nehmen wir nur ein Beispiel. Wir sprechen allerorten über Matching und Skill-based-Hiring. Aber was genau wird da eigentlich gematcht? Schlüsselwörter mit Schlüsselwörtern aus hektisch zusammengezimmerten Inseraten? Kompetenzen mit Kompetenzlisten, die seit Jahren in Excel verstauben? Oder Aufgaben mit Menschen, die wir nach Bauchgefühl selektieren und nach zwei Sekunden erkennen? Wozu das führt?
Warum nicht Koch werden?
Wer selbst in den letzten Monaten einmal einen Job gesucht hat, weiss ziemlich genau, wie sich die Realität anfühlt. Was einem die Algorithmen als Treffer in Jobbörsen liefern, ist mitunter fragwürdig. Aber irgendein passendes Schlagwort hat in der super Datenwolke offensichtlich erfolgreich mit meinem Profil gematcht.
Das automatisierte Matching ist mitunter doch nicht so berauschend, wie zuhauf versprochen wird. Aber ich will das gar nicht per se den Plattformen vorwerfen. Auch sie müssen mit dem Input arbeiten, der ihnen hingeworfen wird. Und an der Stelle frisst die Automatisierung ihre Kinder. Ich kann es nicht oft genug sagen: schlechter Input führt zu schlechtem Output. Daran ändert auch das durch KI aufgehübschte Gewand wenig.
Wen wundert es? Unternehmen automatisieren Kommunikation. Bewerbende automatisieren Bewerbungen. Unternehmen skalieren ihre Prozesse. Bewerbende skalieren ihren Output. Fake-Personalisierung auf beiden Seiten, aber en masse.
Zum ersten Mal erleben wir eine Situation, in der beide Seiten dieselben Werkzeuge besitzen. Ein Effizienz-Patt.
Die Folge ist vorhersehbar: Alle produzieren mehr. Niemand gewinnt. Aus zehn Bewerbungen werden hundert. Aus hundert Anschreiben werden tausend. Aus automatisierten Prozessen entstehen automatisierte Antworten auf automatisierte Prozesse. Aus schnöden Standard-Inseraten wohlklingende Worthülsen. Aber wo keine Reibung mehr ist, ist auch keine Resonanz mehr. Die wesentlichen Signale verschwinden im Rauschen der Schönfärberei. Hauptsache effizient. Hauptsache skalierbar.
Ich habe den Eindruck, dass wir damit vor allem unsere selbstgeschaffenen Probleme lösen. Denn wenn man jede Herausforderung wegautomatisiert, entstehen irgendwann Probleme, die wiederum neue Automatisierung benötigen. Ein perfekter Kreislauf.
Dabei fällt etwas unter den Tisch, das sich nur schwer messen lässt: Wirksamkeit. Wir verwechseln Effizienz mit Wirkung, Output mit Ergebnis, Aktivität mit Fortschritt. Vielleicht liegt genau darin unser grösster Denkfehler.
Transaktion als Allheilmittel
Wir betrachten Recruiting fast ausschliesslich als Transaktion. Was zählt, sind Klicks und Bewerbungen. Und das mit möglichst wenig Aufwand. Schnell obendrein bitte. Mein früherer Chef pflegte zu sagen: «Wenn es schnell gehen soll, sollte man langsam machen.» Damit meinte er wahrscheinlich nachdenken. Und damit kämen wir allenfalls zu einer Erkenntnis: Menschen funktionieren nicht rein transaktional. Und Transaktion ist nicht gleich Transaktion. Vertrauen entsteht nicht transaktional. Attraktivität ebenso wenig. Und Wirkung schon gar nicht.
Alles ist optimiert auf Transaktion und Effizienz. Aber wir wundern uns über den Bewerbenden-Tsunami? Die Geister, die wir riefen, holen uns ein. Und unsere Lösung? Die automatisierte, KI-gestützte und selbstverständlich effiziente Vorselektion soll es richten. Damit Zeit für das Wesentliche bleibt. Mich würde interessieren, wo die wirklich eingesetzt wird.
Wo das Problem auch liegen könnte
Wenn ich eine Hypothese aufstellen darf: Ich glaube, es würde sich lohnen, unsere Zeit vielmehr in die Ausschreibung und Kommunikation zu investieren. Denn ich bin überzeugt, dass unser Problem dort schon beginnt. Anders gesagt: bei den Signalen, die wir senden. Denn lustlose Ausschreibungen und Prozesse erzeugen lustlose Bewerbungen. Austauschbare Kommunikation erzeugt austauschbares Verhalten. Schlechte Signale erzielen die falsche Aufmerksamkeit. Und schöngefärbte Inserate erzeugen schön gefärbte Anschreiben, die aktuell ihr grosses Comeback erleben.
Wer Menschen wie Datensätze behandelt, sollte sich nicht wundern, wenn Datensätze zurückkommen. So wie wir in den Wald hineinschallen, schallt es eben auch wieder heraus.
Vielleicht ist das aktuell die eigentliche Leistung von KI. Sie revolutioniert Recruiting nicht. Stattdessen macht sie unsere Oberflächlichkeit sichtbar, die wir unter Pseudo-Individualisierung nur noch dürftig kaschieren können. Plötzlich merken wir, wie viel unserer vermeintlichen Personalisierung schon vorher banal und standardisiert war.
Viele Prozesse haben nur deshalb funktioniert, weil die andere Seite, sprich die Bewerbenden, keine Alternative hatte. Das Blatt hat sich gewendet. Es herrscht KI-Waffengleichheit. Vielleicht sind die Bewerbenden zur Zeit sogar einen Schritt voraus. Daher sollten wir Auswahlzäune nicht undurchlässiger machen, sondern lieber genau hinschauen, welches Signal wir damit senden. Dadurch wird nur die Verlockung gross, neue Wege hindurchzufinden.
Nennt mich naiv: Gute Kommunikation heilt nicht alles. Aber sie ist massgeblich für Vertrauen. Und in einer Welt voller künstlich erzeugter Inhalte wird Vertrauen zum knappsten Gut. Nicht etwa Effizienz. Die ist «commodity». Aber vielleicht ist meine Messlatte auch falsch. Für mich ist unwirksame Effizienz kein gutes Ziel. Und ein schiefes Haus bleibt ein schiefes Haus, selbst wenn der KPI stimmt.
