Zwischen Hollywood-Casting und Freizeitbier – über das richtige Mass der Selbstvermarktung im Interview

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Inside HRSie wurden zum Bewerbungsgespräch eingeladen? Gratulation! Nun gilt es, den Etappensieg gekonnt zu nutzen: Bereiten Sie sich vor, vermeiden Sie breitgewalzte Monologe, schalten Sie Ihr Handy aus. Und denken Sie dran: Kleiden Sie sich dem Arbeitgeber angemessen und übertreiben Sie es nicht – weder mit Parfüm noch mit sonstigen Reizen.

Wer heute im rauen Arbeitsmarkt endlich das Nadelöhr zum persönlichen Interview passiert hat, sollte dringend ein paar praktische Ratschläge verinnerlichen.

Darf ich Sie deshalb mit einigen einfachen, aber effektiven Tipps für Ihr nächstes Interview ausstatten? Denn an diesem schon recht fortgeschrittenen Punkt der Bewerbung wäre es fahrlässig, den mühsam erzielten Etappensieg durch Unbedachtheit zu gefährden.

Es gibt vielerlei Gründe, weshalb es mit der Anstellung beim Wunscharbeitgeber nicht klappt, auch losgelöst von der ausgereiftesten Interviewtechnik. Aber wer die nachfolgenden Fauxpas vermeidet, hat eindeutig bessere Erfolgschancen auf dem Bewerbermarkt. Die nachfolgenden Beispiele basieren auf unserer Recruiting-Erfahrung und gelten für Entscheidungsträger wie auch für Stellensuchende. Der heutige Arbeitsmarkt beweist, wie schnell heutzutage Manager zu Kandidaten werden können und sich plötzlich auf der anderen Seite des Tisches befinden.

Gut vorbereitet ist halb gewonnen

In Zeiten der digitalen Volltransparenz kann man davon ausgehen, dass einer sorgfältigen Gesprächsvorbereitung nichts im Wege steht. Teilweise blamieren sich Kandidaten hier trotzdem.

Bei der Frage «Was wissen Sie über unser Unternehmen?» verraten Bewerber immer wieder erstaunliche Nachlässigkeit. Die Vermutung, dass sich diese deplatzierte Nonchalance auch im Arbeitsleben fortsetzt, liegt nicht weit und versetzt den fraglichen Kandidaten sofort auf einen hinteren Platz.

Nutzen Sie daher das Internet in seiner gesamten Bandbreite für Background-Checks zur Firma und holen Sie – wenn möglich – in Ihrem Bekanntenkreis Erkundigungen ein. Die Qualität des Gesprächs wird mit Bestimmtheit steigen – und Ihre Gewinnchancen ebenso!

Antizipieren Sie auch mögliche Fragen und passende Antworten zu konkreten Situationen aus Ihrer beruflichen Vergangenheit.

Trotz Digitalisierung ein kleiner, ganz altmodischer Tipp: Statten Sie sich unbedingt mit einem Schreibwerkzeug und einem Block aus, auf dem Sie idealerweise Fragen vorbereitet haben. Und noch etwas: Schalten Sie bitte das Handy aus.

In der Kürze liegt die Würze

Der häufigste Fehler auf Kandidatenseite geht auf das Konto «Uferlosigkeit». In der hehren Absicht, die eigene berufliche Vergangenheit möglichst lückenlos darzustellen, verlieren sich gewisse Bewerber hoffnungslos in Details: Namen über Namen, Schilderungen über Schilderungen … So kämpft der Fragesteller nicht nur gegen aufkommende Ungeduld und Irritation, sondern auch gegen Zeitknappheit.

Solche breitgewalzten Monologe zeugen weder von Gespür noch von Anstand, sondern lassen vergleichbar ausufernde Ergüsse in der Arbeitsrealität befürchten. Vermeiden Sie auch ausschweifende Klagelieder über an früheren Stellen erlittene Ungerechtigkeiten. Bei allem Verständnis für fragwürdige Methoden auf dem Arbeitsmarkt sind solche Exkurse am Bewerbungsgespräch fehl am Platz.

Eine weitere Faustregel:  Eine kurze, klare Frage verlangt nach einer ebenso knappen, aussagefähigen Antwort. Vermeiden Sie es, an der Frage vorbei zu antworten oder Ihren Gesprächspartner wiederholt zu unterbrechen. Unweigerlich tauchen so Fragezeichen punkto der Fähigkeit des aufmerksamen Zuhörens und der passenden Umgangsformen auf.

Bleiben Sie echt

Auch wenn Sie sich als Berufsperson bestmöglich «verkaufen» möchten, übertreiben Sie es nicht mit Eigenlob und der Schilderung Ihrer Vorzüge. Und wird nach Ihren Schwächen gefragt, ist die abgedroschene «Ungeduld» keine gute Antwort – sie sagt nichts aus. Seien Sie stattdessen mutiger und menschlicher. Wagen Sie es je nach Situation auch, Ihrem Gegenüber einen Einblick in Ihr Leben Ihre Präferenzen und in Ihre Arbeits- und Lebensweise zu geben. Noch sind wir glücklicherweise Menschen und keine Roboter!

Es gibt durchaus dumme Fragen

Die allermeisten Kandidaten sind sich der Macht von Fragen zu wenig bewusst und spielen diesen Trumpf nicht clever genug aus. Dies ist höchst bedauerlich, denn: Wer fragt, der führt. Im Interviewkontext bedeutet das: Wer fragt, ist aktiv, beweist eine sorgfältige Gesprächsvorbereitung und Interesse an der Position. Auch provokative, kritische oder überraschende Fragen kommen – begleitet vom nötigen Sensorium des Kandidaten – meist gut an.

Bewerber wären überrascht davon, wie sehr Firmen das Ausbleiben von Fragen registrieren und bemängeln. In Abweichung der Faustregel ist es aber immer noch ratsamer, keine Frage als eine dumme Frage zu stellen. In die Hitparade der Fettnäpfchen beim Erstgespräch gehören Erkundigungen zu lokalen Feiertagen, zu Pensionskassen-Regelungen oder zum Salär. Fragen um des Fragens Willen werden leicht als solche erkannt, wenn die gewünschten Antworten einfach auf der Firmenwebsite aufzufinden sind – wie Eckdaten zu Gründung, Produkten oder Mitarbeiterzahl. Diese Art von Fragen haben einen treffsicheren Bumerang-Effekt.

Kleider machen Leute – aber übertreiben Sie es nicht

Was die Äusserlichkeiten betrifft, ist mehr selten besser: Am Schluss gewinnt nicht diejenige mit den höchsten Stilettos, dem betörendsten Parfum oder den kreativsten und längsten Swarovksi-Fingernägeln.

Auch die Herren der Schöpfung sollten selbstverständlich darauf bedacht sein, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen – aber mit Vorteil nicht in Form nachklingender Aftershave-Wolken.

Besonders Raucher unterliegen wiederholt dem Irrtum, Spuren des Nikotins mit Hilfe von Duftnoten zu überdecken, besonders nach einer Nervositätszigarette kurz vor dem Interview. Und wenn schon ein Pfefferminzkaugummi zur präventiven Geschmacksbekämpfung, dann raus damit vor dem Interview.

Ebenso unpassend ist die üppig geschminkte Kandidatin, welche auf die Mitwirkung einer Maskenbildnerin schliessen lässt. Dasselbe gilt teilweise für die überelegante weibliche Garderobe, die viel eher an eine Cocktailparty passt. Bitte bedenken Sie auch, dass eine Krawatte ein Teil des Anzugs und kein Ausdruck des bunten Charakters des Trägers ist – ebenso wenig wie die modischen, farbigen oder fehlenden Socken.

Natürlich ist auch das andere Extrem ein Fehler:  Bermuda-Shorts, Hoodies, Flip-Flops oder Hosen mit militärischen Tarnmustern eignen sich nicht für ein professionelles Interview. Tattoos und Piercings stossen in konservativen Firmen nicht überall auf Gegenliebe und gehören zumindest beim Erstinterview abgedeckt respektive entfernt. Einigen Bewerbern und Bewerberinnen würde man zur Schadensbegrenzung dringend einen vorgängigen kritischen Blick zur Angemessenheit der gewählten Kleidung wünschen.

Abschliessend etwas zur Lautstärke: Es spricht nichts gegen eine fröhliche Atmosphäre im Interview, aber bedenken Sie, dass nicht derjenige mit der lautesten Stimme oder dem überschwänglichsten Lachen das Rennen um die vakante Stelle macht.

Es gibt keine zweite Gelegenheit

Die Bedeutung von Händedruck und Augenkontakt sind nicht zu unterschätzen. Eine schlaffe, ausweichende Hand ist ebenso unangenehm wie Augenpaare, die entweder am Boden kleben, an die Decke ausweichen, das Weite suchen oder das Gegenüber laserähnlich durchbohren.

Achten Sie gleichzeitig auf Ihre Körperhaltung während des Gesprächs. Der Interview-Stuhl ist weder Opas Ohrensessel, noch der lockere Barhocker und schon gar keine bequeme Corbusier-Liege. Anderseits befinden Sie sich im Interview in aller Regel auch nicht in einer bedrohlichen Nahkampf-Situation, in der Sie sich mit verschränkten Armen schützen müssen. Auch hierzu ist es hilfreich, sich zur Überprüfung der Körpersprache punktuell von Mitmenschen spiegeln zu lassen – denn es ist eine Binsenwahrheit, dass man sich der eigenen Ticks nicht gewahr ist. Dies kann beispielsweise – bei Frauen häufig – das Bändigen der fülligen Löwenmähne, das Klimpern mit den künstlichen Wimpern, das Zurecht-Zupfen des T-Shirts oder das nervöse Spielen mit dem Armschmuck sein. Männer hingegen haben markante Mödeli aus der Vergangenheit –  wie das offensichtliche Zuschaustellen der protzigen Uhr oder der Platinmanschettenknöpfe –über die Zeit glücklicherweise abgelegt.

Beherzigen Sie diese Ratschläge! Damit sichern Sie sich zwar nicht Ihre nächste Stelle, doch Sie kommen Ihrem Ziel garantiert näher.

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