Was Coworking und das betriebliche Gesundheitsmanagement voneinander lernen können

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Future WorkStudien zeigen immer wieder, dass Coworker signifikant zufriedener sind als Angestellte, die in «normalen» Büros arbeiten. Dass das Raumkonzept alleine nicht für dieses «Thriving» verantwortlich sein kann, liegt auf der Hand – viel eher geht es um übergeordnete Motivationstreiber wie Sinnhaftigkeit, Gefühl der Zugehörigkeit und wahrgenommene Autonomie. Da sich im Zuge der Rückkehr in eine neue Normalität auch Firmen zunehmend für Coworking zu interessieren beginnen, ist die Frage spannend, wie Coworking aus Sicht des betrieblichen Gesundheitsmanagement zu beurteilen ist.

Fast unbemerkt feiert das Thema Coworking diesen Sommer seinen 15. Geburtstag – in der Schweiz hat das Thema Coworking mit der Gründung des Citizen Space im Zürcher Steinfelsareal schon vor rund 13 Jahren Fuss gefasst. Seit dieser Zeit hat sich enorm viel getan, nicht nur, was die Anzahl der Spaces betrifft. In den letzten Wochen und Monaten hat Coworking plötzlich eine ganz andere Relevanz gewonnen. Zum zweiten Mal in ihrer jungen Geschichte sind Coworking-Spaces aus einer anspruchsvollen Situation als Gewinner hervorgegangen, wenn nicht gar als Instrument, das geholfen hat, die Krise zu bewältigen. Als sich die Weltwirtschaft nach 2007 nur langsam von den Spuren der Finanzkrise erholte, hat die Coworking-Branche gerade in Ländern, die besonders hart getroffen wurden, wie etwa Spanien, enorm zugelegt. Das antizyklische Wachstum kann damit begründet werden, dass Coworking-Spaces vielen Menschen, die ihren Job verloren hatten, den Sprung in die Selbstständigkeit bzw. in eine unternehmerische Tätigkeit ermöglichten, da sie ein attraktives Arbeitsumfeld zu fairen und flexiblen Konditionen boten.

Wie sieht es mit der Covid-19-Pandemie aus?

Mehr als 10 Jahre später stellt Corona einen erneuten Prüfstein dar. Natürlich ist es zu früh, um Bilanz zu ziehen, aber die Anzeichen mehren sich, dass die Coworking-Branche gerade eine zweite Aufschwung-Phase erlebt – eine noch viel bedeutsamere, wie uns scheint. Im Unterschied zur letzten sind es aber weniger die Freelancer und Mikrounternehmen, die das Wachstum beflügeln, sondern vielmehr Firmen, die nach Lösungen suchen, welche die Mitarbeitenden und die Organisation gleichermassen weiter bringen. Das tägliche Pendeln an den Hauptsitz wird dabei genauso kritisch hinterfragt wie die ständige Vermischung von Arbeit und Privatleben im Homeoffice.

In den letzten Wochen fanden auch im Coworking-Space «Wunderraum» zahlreiche Gespräche mit Firmen statt, die sich für Coworking als alternative Arbeitsorte interessieren – in Ergänzung zum Firmenbüro und zum Homeoffice. Ein Thema kam dabei immer wieder auf: Das betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) und damit verbunden die Frage, ob Coworking-Spaces die relativ strikten Anforderungen an ein gesundheitsförderliches Arbeitsumfeld erfüllen. Anstatt lange zu philosophieren haben wir einige BGM-Verantwortliche zu uns in den «Wunderraum» eingeladen. Zum einen, damit sie sich selber ein Bild machen konnten und zum anderen, weil wir sehr an diesem Perspektivenwechsel interessiert waren.

BGM reloaded

Das spannende an diesen Gesprächen war ihr Verlauf: Während wir uns zu Beginn über die «Basics» wie ergonomische Büromöbel, Akustik, Licht und Raumklima unterhielten, tauchten wir gegen den Schluss in die viel spannendere Fragen ein, was es braucht, damit sich Menschen bei der Arbeit wohlfühlen und ihr Potential entfalten können. Dazu kam uns immer wieder ein Artikel aus der Harvard Business Review in den Sinn, der unter dem Titel «Why people thrive in Coworking Spaces» aufzeigte, dass Coworker signifikant zufriedener sind als «normale Angestellte». Doch was macht den Unterschied? Die zugrundeliegende Studie brachte klar zutage, dass es nicht um die Qualität des Arbeitsumfelds im engeren Sinne geht – diese bilden im Sinne von «Hygienefaktoren» das Fundament – sondern um übergeordnete Faktoren wie Selbstbestimmung, Sinnhaftigkeit, Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Selbstwirksamkeit. Wenn wir ehrlich sind, sind es Faktoren, die auch ein ausgeklügeltes betriebliches Gesundheitsmanagementkonzept kaum kontrollieren und steuern kann. Und genau hier sehen wir das Chancenpotential von Coworking: Indem Angestellte einen Teil ihrer Zeit in Ergänzung zum Firmenbüro und Homeoffice in einem Coworking-Space mit einer lebendigen Community verbringen, lernen sie Neues über sich und andere. Was uns dabei besonders überzeugt, ist, dass dieses Lernen in Form von authentischen Erlebnissen stattfindet – jede/r entscheidet für sich, wie vertieft er/sie sich mit Themen wie innerer Antrieb, Lernen etc. auseinandersetzt und wie weit er/sie sich konfrontieren lässt.

Dank diesen Gesprächen konnten wir für uns auch die Frage beantworten, was es für ein gesundheitsförderliches Arbeitsumfeld braucht. Die richtige Infrastruktur und ein gutes Raumklima sind sicherlich eine wichtige Basis. Entscheidend ist aber, dass Menschen täglich spüren, dass ihre Arbeit Sinn macht, dass ihr Einsatz geschätzt wird und dass man ihnen vertraut. Wenn sie das erleben, werden sie dieses Wohlwollen auch an Arbeitskolleg*innen und Kund*innen weitergeben. Und genau das führt zu einer nachhaltig gesunden Zusammenarbeit.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit Elisabeth Hirtl vom «Wunderraum» in Pfäffikon.

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