Quo vadis Arbeitsmarktpolitik Schweiz?

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Der Schweizer Arbeitsmarkt ist ein Erfolgsmodell. Die Arbeitslosenquote ist rekordtief. Und dies seit Jahren. Kaum ein Land auf der Welt kennt eine ähnlich tiefe Erwerbslosigkeit. Dies gilt ebenso für die Jugendarbeitslosigkeit.

Wie gelingt uns das? Mit einer klugen Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik!

Das Schweizer Bildungswesen kennt mannigfaltige Ausbildungswege und Entwicklungsmöglichkeiten. Die Lehrlingsausbildung, die Berufsmatur, die gymnasiale Matur, die höhere Berufsbildung, eidgenössisch anerkannte Berufsprüfungen, Fachhochschulen und Universitäten ermöglichen es Schülern und Erwerbstätigen, den auf sie zugeschnittenen Bildungsweg einzuschlagen. Und die verschiedenen Wege sind allesamt sehr gut miteinander verbunden. Das Bildungssystem ist durchlässig, so dass Entwicklungswillige auch auf dem zweiten Bildungsweg ihre Kenntnisse vertiefen oder einen neuen Beruf erlernen können. Ganz in Abhängigkeit ihrer Fähigkeiten und der Bedürfnisse des Arbeitsmarkts.

So weit so gut. Die eine oder andere Baustelle gibt es in der Bildungspolitik. Doch insgesamt bringt das Bildungswesen für den Arbeitsmarkt passend qualifizierte Personen hervor.

Die Arbeitsmarktpolitik steuert hingegen gefährlichen Gefilden zu.

Das Erfolgsrezept lag bislang in einer liberalen Gesetzgebung mit kurzen Kündigungsfristen und wenig anderen Vorschriften. Was es zu regeln gab, wurde auf Firmen- oder Branchenebene von den Sozialpartnern selber festgelegt. Zum Beispiel Überzeiten, Ferienansprüche oder Mindestlöhne. In Gesamtarbeitsverträgen lässt sich auf Unternehmens- oder Branchenspezifitäten Rücksicht nehmen und differenzieren. Die Regulierten regulieren selber und wissen darum sehr gut Bescheid, welche Vorschrift welche Konsequenzen hat. Damit sind wir in der Schweiz sehr gut gefahren.

Seit geraumer Zeit wird dieses System aber langsam unterwandert. Einzelne Kantone lancieren Normalarbeitsverträge oder Kantonsmindestlöhne. Die Gewerkschaften spielen ein Doppelspiel, indem sie einerseits die Gesamtarbeitsverträge weiterentwickeln, aber andererseits bei der kantonalen Arbeitsmarktregulierung eifrig mithelfen. Sogar auf nationaler Ebene haben sie es mit einem gesetzlichen Mindestlohn versucht. Dies schwächt die Sozialpartner und ihre Gesamtarbeitsverträge. Ihr gemeinsam definiertes Regelwerk wird durch kantonale Regeln ausgehöhlt. Und die Gewerkschaften verlieren durch mehr und mehr kantonal oder normalarbeitsvertraglich definierte Mindestlöhne ihren ultimativen Anreiz, überhaupt Gesamtarbeitsverträge auszuhandeln.

Diese schleichende Entflexibilisierung des Schweizer Arbeitsmarktes ist besorgniserregend. Wir tun gut daran, uns die Grundsatzfrage zu stellen, ob wir am bewährten Rezept festhalten wollen oder uns bewusst davon abwenden. Aber unbedacht hinzunehmen, wie unser Erfolgsmodell langsam erodiert, wäre fatal.

1 comment for “Quo vadis Arbeitsmarktpolitik Schweiz?

  1. 30. Juli 2015 at 12:01

    Ich kann Ihre Ausführungen vollkommen unterstützen. Wir müssen unser Erfolgsmodell stärken, in dem wir uns auf unsere gewachsenen Strukturen im Arbeitsmarkt zurücksinnen (liberale Gesetzgebung, Sozialpartnerschaft, GAV, …), wie Sie dies erwähnen.
    Wir müssen uns aber auch Gedanken in der Entwicklung unseres Bildungssystems, welches vor der Berufsaufbildung stattfindet, machen. Der administrative Aufwand im Schulsystem wird immer grösser, die Aufgaben immer mehr. Mir scheint, dass die Erwartungen gegenüber der Volksschule immer grösser werden (mit der gleichzeitigen Forderung, Kosten einzusparen). Ruft man die Kompetenzen dann aber in den Berufsschulen ab, werden diese im Bereich der Fachkmpetenz nicht besser. Ich glaube nicht, dass unsere Ausbildungsstätten schlechter geworden sind. Mir scheint, dass wir in der Schule lauter Bäume den Wald nicht mehr sehen.
    Ein weiterer Faktor, welcher nicht vernachlässigt werden darf, ist die gesellschaftliche Entwicklung. Wir täten gut daran, uns vermehrt daran zu erinnern, welche Ideale und Werte uns zu unserem heutigen stabilen System geführt haben. Begriffe wie z.B. Nachhaltigkeit, Qualität, Kundenfreundlichkeit, Arbeitswille, Leistungsbereitschaft (über das zu erwartende) werden immer öfter durch individuellen Bedürfnisse verdrängt.
    Es stehen uns auf allen Ebenen noch grosse Aufgaben bevor – wenn wir alle am gleichen Strick ziehen, schaffen wir das.

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