Haben Sie Freunde oder nur Kontakte?

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Es ist in den vergangenen Jahren zur Tradition geworden, dass ich einige meiner Kunden zu einem vorweihnachtlichen Lunch einlade. So auch Ruedi Werthmüller, HR-Verantwortlicher eines renommierten Unternehmens. «Ich bin erstaunt, dass sie mich trotz meines neuen Status als Frührentner doch noch eingeladen haben», liess er mich gleich als erstes Wissen.

Ich sah ihn an und wollte gerade meine Verwunderung über diese Aussage zum Ausdruck bringen, als ich erschrak. Seine Haltung, die Gesichtszüge – der Mann war nicht wiederzuerkennen. Wir bestellten und kamen zögerlich ins Gespräch. Nach und nach begann er zu erzählen.

«Ende August hatte die Geschäftsleitung mein neues Rekrutierungskonzept abgeschmettert, ich war über die Art und Weise derart frustriert, dass ich mehr aus Trotz und Frustration meine baldige Pensionierung in Aussicht stellte, um das Gremium nicht mehr zu langweilen. Zu meiner Überraschung nahm der CEO den Vorschlag gleich an. Er hatte es so eilig, dass ich bereits zwei Monate später den Sessel zugunsten von Frau Brühlhart, seiner Assistentin, räumen durfte. Auf die mangelnde Qualifikation der Dame angesprochen, antwortete mir der CEO, dass sie im Frühjahr diesbezüglich eine Weiterbildung in Angriff nehmen würde.»

«Wohl nicht die feine Art», entgegnete ich. Doch leider sind auch mir solche Verhaltensformen wohlbekannt. «Jetzt haben sie doch Zeit, für sich Dinge zu tun die sie schon lange tun wollten», versuchte ich ihn aufzumuntern. Ich hob das Glas auf ihn, während er eine Weile schwieg und nur missmutig mittrank.

Gefragte Persönlichkeit?

Dann fuhr er fort. «Sie haben recht, das Leben geht weiter. Was schmerzt, ist der Irrtum.» Während er lustlos im inzwischen servierten Teller herumstocherte, klärte er mich auf: «Sie glauben ja nicht, wie gefragt ich war – ein gerne gesehener Gast auf Symposien. Über zweitausend Kontakte auf Linkedin, in drei ERFA-Gruppen aktiv und wöchentlich zwei bis dreimal zum Lunch mit Berufskollegen. Eine Vorzeigepersönlichkeit sei ich, hat man im Lions- Club immer wieder betont.» «Ja, und bei ihnen ist ein Handschlag noch ein Handschlag», pflichtete ich wertschätzend bei.

«Und wo ist nun der Irrtum?», fragte ich neugierig. «Die vorgezogene Weihnachtsfeier im Unternehmen, sie fand bereits ohne mich statt. Wo früher bei mir zuhause mehr als hundert Festtagskarten den Kaminsims säumten, ist dieser heute praktisch leer. Der Lions Club braucht ein Aushängeschild für das kommende Jahr und so wurde eine Verlängerung meines Amtes ebenfalls hinfällig. Telefonate von meinen HR-Kollegen aus anderen Firmen? Fehlanzeige. Doch, eine Ausnahme gab es. Gruber, ein Finanzchef unserer Partnerfirma, schickte mir ein Mail, ob ich ihm bei der Suche für ein Praktikum seiner Tochter behilflich sein könne.» Dann holte er tief Luft: «Wie konnte es nur so weit kommen, dass ich als Ruedi Werthmüller zu keiner Zeit darüber nachdachte, ob wirklich ich als Person oder in erster Linie meine Position in Kombination mit dem Firmenimage gefragt war?»

Nutzbringend oder irrelevant

Nun hatte ich verstanden. Natürlich traf letzteres zu. Unsere digitale Welt hat den Menschen längst auf einen Kontakt reduziert, der sich lediglich über «nutzbringend» oder «irrelevant» in Bezug auf die eigenen Geschäfts- und Karriereinteressen definiert. Auf derselben Führungsstufe, oder viel eher auf der nächsthöheren, ist man Kollege. Man tut anderen da einen Gefallen und erwartet von ihnen im Gegenzug stillschweigend ein Entgegenkommen.

Den Menschen hinter der Visitenkarte tatsächlich kennen lernen zu wollen ist mit Zeit verbunden, und wer bringt sie dafür heute noch auf? Nie vorher waren wir mit mehr Menschen verbunden und ihnen doch so fern. Ähnlich den Nachbarn, die man im besten Fall früh morgens beim Müll heraustragen flüchtig grüsst.

Das Ganze ist einem grossen Spiel nicht unähnlich und wer beim Schachspiel würfelt, hat die Regeln nicht verstanden. So ist das Verlieren vorprogrammiert, wenn man die Ebenen verwechselt und seine Persönlichkeit mit dem Prestige von Amt und Firma gleichsetzt.

Vielleicht würde es die eine oder andere Denkweise im Berufsalltag konstruktiver beeinflussen, wenn einem bewusst wäre, dass alles nur geliehen ist und oft weniger lange dauert, als es den eigenen Erwartungen und Hoffnungen entspricht.

Bei der Verabschiedung wünschte ich Herrn Werthmüller frohe Festtage und mit einem etwas mulmigen Gefühl «das Beste im neuen Jahr…»

1 comment for “Haben Sie Freunde oder nur Kontakte?

  1. 27. Dezember 2017 at 7:57

    Lieber Markus Marthaler
    Sie beschreiben gleich mehrere wunde Punkte in unserer digitalen Gesellschaft.
    1. Die schnelle Jagd nach Kontakten – lieber Quantität statt Qualität – auf den beruflichen, sozialen Netzwerken hat absurde Ausmasse angenommen. Gefördert wird dies logischerweise von den Betreibern der Plattformen („Ihr Profil findet Beachtung“ – 1 neuer Besucher…), denen es ja primär auch um Quantität – sprich Umsatz und Traffic – und weniger um Qualität geht.
    2. Die Wertschätzung von Erfahrung und soliden Berufskenntnissen hat massiv gelitten, besonders wenn sie in einer etwas älteren Verpackung stecken. Nur so lässt es sich erklären, dass der langjährige Chef sehr schnell durch seine Assistentin ersetzt wird. Das fehlende Wissen wird dann einfach durch eine Weiterbildung kompensiert. Bleibt zu hoffen, dass sich der der Wert der Erfahrung zumindest in der Lohndifferenz zwischen Ex-Chef und Assistentin erkennen lässt.
    Besteht also noch Hoffnung, die Erfahrungen und Kenntnisse der älteren Generation – das Fundament der analogen Epoche – ins digitale Zeitalter hinüber retten zu können? Klar, aber dazu braucht es jedoch Zeit und Vorgesetzte mit gesundem Menschenverstand, denen es gelingt diese unbezahlbaren Schätze zu bergen.

    Auch Ihnen nur das Beste im neuen Jahr. Ich freue mich auf viele weitere inspirierende Artikel.

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