Gymi oder Berufslehre – die ewige Debatte

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BerufsbildungDie Diskussion, ob nun die Matura mit anschliessendem Studium oder die Berufslehre der bessere Weg für die Jugend ist, ist ein Dauerbrenner. Sei es zu Hause zwischen Eltern und Jugendlichen, in der Schule oder natürlich bei Bildungs-politikern. Vor allem aber in den Medien.

Medial wird wiederholt dargelegt, dass sich immer mehr Jugendliche für die Matura entscheiden, da sie darin bessere Perspektiven für ihre berufliche Zukunft sehen. Gerade erst wurde im Schweizer Fernsehen zu bester Sendezeit ein Beitrag zu diesem Thema ausgestrahlt, in dem die verschiedenen Positionen gar innerhalb der Familie vertreten waren. Vermehrt wird dabei auf das «Eintrittsticket zu jeder Veranstaltung» durch die Matura hingewiesen. Ich habe mich gefragt, warum in den Medien dieses Bild von den unendlichen Möglichkeiten durch eine akademische Karriere gemalt wird, wo doch die Berufslehre exakt die gleichen – wenn nicht sogar vielfältigeren – Perspektiven bereithält?

Anderer Weg, gleiches Resultat

Die Wege und Möglichkeiten im Schweizer Bildungssystem. Quelle: www.yousty.ch

Vielen Leuten – aber leider viel zu wenigen – ist mittlerweile bekannt, dass man durch eine Berufslehre ans genau gleiche Ziel kommen kann, wie über den akademischen Weg (siehe Grafik links). Ich zeige es gerne zur Verdeutlichung noch einmal auf: Durch die Berufsmatur während oder nach der Lehre haben sich Jugendliche das Ticket an die Fachhochschule erarbeitet. Schliessen sie noch eine Passerelle an, können sie an die Uni gehen – genau wie die Abgehenden der gymnasialen Matura.

Dies bedeutet auch, dass sie nach der Lehre eine Weiterbildung oder Neuorientierung auf tertiärer Ebene anstreben können. Dazu kommt, dass die Jugendlichen mit einer Berufslehre bereits Arbeitserfahrung haben – eine Kompetenz, die in der heutigen Zeit sehr gefragt ist. Sie haben erste Erfahrungen auf dem Arbeitsmarkt gemacht, kennen die gängigen Arbeitszeiten und haben sich damit arrangiert – für den Bewerbungsprozess ganz andere Voraussetzungen, als diejenigen für Schülerinnen und Schüler aus dem Gymi. «Praktika-Schlaufen» sind – im Gegensatz zu MaturandInnen oder Uni-AbgängerInnen – bei Lehrabgängern die Ausnahme.

Und noch ein weiterer, nicht unwichtiger Punkt: Mit einer Lehre haben die Jugendlichen eine Einkommensgrundlage. Sie verdienen bereits ab dem ersten Jahr und machen fortlaufend Schritte in Richtung Unabhängigkeit.

Anstieg der Anzahl Maturandinnen und Maturanden?

Verteilung der Jugendlichen an allgemeinbildenden Schulen (Gymnasium, FMS) und Jugendlichen mit Interesse an beruflicher Grundbildung gem. Bundesamt für Statistik. Quelle: Yousty

Stimmt es nun, dass sich die Jugendlichen immer mehr für den akademischen Weg entscheiden? Obwohl dies eine weit verbreitete Meinung ist, zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik (siehe Grafik links), dass die Anzahl der Maturandinnen und Maturanden in den vergangenen Jahren etwa gleichgeblieben ist. Hingegen stieg die Anzahl Interessentinnen und Interessenten an der beruflichen Grundbildung – besonders im letzten Jahr. Der erfreuliche Trend zeigt also, dass mehr und mehr Jugendliche die Chancen der Berufslehre erkennen.

Weiter zeigt eine Studie der KOF* (Konjunkturforschungsstelle, ETH Zürich), dass Jugendliche mit hohen kognitiven Kompetenzen – also solche, die bei den PISA-Tests jeweils mit guten Punktzahlen abschliessen – sich nicht ausschliesslich für das Gymnasium entscheiden. Im Gegenteil: Viele wählen die Berufslehre. Diese Verteilung der Kompetenzen auf Berufslehre und Gymnasium hat sich über die Jahre nicht verändert, zeigt die langfristige Analyse von 2000 bis 2012. Also haben sich tatsächlich nicht mehr Jugendliche für den akademischen Weg entscheiden.

Den richtigen Weg finden

Am Ende müssen die Jugendlichen selber abwägen, in welchem Werdegang sie sich wohl fühlen. Das ist im Alter von 14 Jahren für alle Beteiligten sehr anspruchsvoll. Meistens spielt das Umfeld eine entscheidende Rolle – und leider zu oft die Vorurteile oder veralteten Vorstellungen der Eltern, aber auch der Lehrpersonen. Daran müssen alle arbeiten, die an unserem Bildungssystem beteiligt sind. Der Entscheid soll auf der Grundlage von Interessen, Talenten und Fähigkeiten und wann immer möglich in der Praxis stattfinden. Schnupperlehren und Info-Anlässe sollten deshalb so früh wie möglich für alle Schülerinnen und Schüler normal sein.

Ich bestreite keinesfalls, dass der akademische Weg seine Vorteile hat. Die Frage ist nur, für wen. Schliesslich wäre es mehr als wünschenswert, viele motivierte, glückliche und erfolgreiche Gymnasiasten zu haben, die danach erfolgreiche Akademiker werden. Und nicht solche, die «Leidensjahre» durchleben und das Studium abbrechen.

Im SRF-Beitrag haben die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten erklärt, dass sie sich noch nicht für einen Beruf entscheiden konnten oder sich für die Arbeitswelt noch nicht bereit gefühlt haben. So geht es wohl vielen. Wenn dann die Schulnoten stimmen, ist das Gymi eine naheliegende Lösung. Ob es immer die Beste ist, bleibt offen.

Fazit: Unser System und dessen Balance – rund 66 Prozent der Jugendlichen beginnen eine Lehre und 20-25 Prozent das Gymnasium – scheint dies sehr gut zu funktionieren. Mit dem Resultat, dass die Schweiz die tiefste Jugendarbeitslosigkeit der Welt hat. Das ist ausserordentlich und spricht sehr für unser Bildungssystem. Daher wünsche ich mir, dass dies alle Jugendlichen, Eltern und Oberstufen-lehrpersonen wissen und somit ihre Chancen erkennen.

Quellen:

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