Den Finger in die Wunde legen

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«Wenn alles anders wird, bleibt HR gleich.» Oder doch nicht? Was habe ich bereits mit Experten und Unternehmensvertretern zu diesem Thema diskutiert. Hier die Frustration motivierter Dienstleister, welche die oft innovationsresistenten Ansprechpartner aus dem HR für ihre Services zu begeistern versuchen. Zumeist erfolglos notabene. Dort die Vertreter von HR, die im Wust zwischen administrativen und operativen Herausforderungen kaum mehr weiter als die nächsten Tage denken können. Sich viel zu selten die Zeit nehmen können für langfristige Strategien. Für neue Herausforderungen. Für den Markt. Für die Technologie. Für das Netzwerken. Für Online. Für Mobile. Für Vermarktung. Für das Ausprobieren.

In der Tat ist die Diskrepanz zwischen Anforderung an ein neues Rollenverständnis und Machbarem im HR oftmals eklatant. Und trotzdem funktioniert «es». Irgendwie. Auch im Recruiting. Nutzniesser sind die zahlreichen Personalvermittler, -Berater, -Agenturen oder wie auch immer wir sie nennen wollen. Sie profitieren von der Schockstarre im HR als quasi outgesourcte Recruitingabteilung. Und das ganz ordentlich, wenn sie denn ihren Job gut erledigen. Und das tun doch einige.

Während also die halbe zeitungslesende Welt weiss, dass das mit der Demografie kein Gerücht ist und der technologische Wandel tagtäglich erlebt wird, während wir erfahren, dass sich die politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen auch nicht gerade vielversprechend entwickeln – auch für den Personalmarkt – tun sich Unternehmen aller Grössen immer noch schwer mit dem Gedanken, nachhaltig ins HR zu investieren. In zusätzliches Personal mit neuen Skills, in Technologie, in Wissen, neue Kanäle, in Strategie. Weil – ja, wir wissen es – das kostet. Wenn die Profitmarge wegen einem starken Franken zusätzlich gefährdet ist, wird nicht investiert. Sondern gespart und gejammert. Als Geschäftsführer verstehe ich die Zusammenhänge und Abhängigkeiten. Und verurteile diese kurzfristige Denke trotzdem.

Die zielführende und stringente Führung, Pflege und Entwicklung des eigenen Unternehmensauftrittes gegen innen und aussen ist unabdingbar. Hier erfahre ich breite Zustimmung von Unternehmen. Sehe aber selten genug entsprechende Investitionen. Wo die gelebte Kultur mit vordefinierten Werten disharmoniert, wo die Positionierung nicht mit effektiven Kandidatenerlebnissen übereinstimmt, wo ewiggleiche Worthülsen weder Differenzierung noch Orientierung bieten: da herrscht Handlungsbedarf. Den Finger in die Wunde zu legen hat noch nie geschadet. Das tut nur am Anfang weh.

2 comments for “Den Finger in die Wunde legen

  1. 26. April 2015 at 23:07

    … Den Finger in die Wunde legen ist immer falsch, denn wegen der Keime entstehen zusätzliche Infektionsgefahren, neben dem unnötigem Schmerz. Aber Sie haben es nicht so gemeint! Ist Ihr Anliegen aber richtig? Wofür folgen die Unternehmen diesem scheinbar sinnvollen Appell nicht? Was sind die Gründe? Der Hauptgrund liegt in der Vergangenheit: „es chunnt scho gute“ – welch dumme einfältige Weisheit! Von den vielen Fällen, wo es nicht gut kam, redet niemand, die, die mit Staatshilfe wieder auf Kurs kamen, oder durch Gläubigerverzicht von der Allgemeinheit gerettet wurden, können von gutem PR profitieren, die die Fehler geschickt in den Mantel der Vergessenheit hüllt.
    Wirklich lernen will fast niemand, wie eine kleine Untersuchung am Standort Zürich zeigte, denn Lernen heißt ungewohnte Pfade gehen, dann ist die Einsamkeit nah und der Gesang der Lemminge fern. Das kann und will nicht jeder, das wäre zuviel verlangt, denn die meisten von uns müssen irgendwie überleben, weil sie Verantwortung z.B. für ihre Kinder tragen.
    Willkommen in der Falle der Wirtschaftslogik, ich habe aber auch kein Patentrezept, würde dazu aber gerne mit Interessierten nach Lösungen suchen. TB

    • 27. April 2015 at 11:52

      Hallo Herr Braun
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Patentrezepte zur Lösung der Situation sind kaum vorhanden. Zu unterschiedlich sind die diversen Grundlagen und Herausforderungen. Ich wäre glücklich, wenn Betriebe das Thema des Wandels grundsätzlich als Solches anerkennen und Bereitschaft zeigen, es anzupacken. Um Massnahmen, die auf organisatorische und ressourcentechnische Anpassungen abzielen, werden Betriebe käumlich herumkommen, wenn sie sich effektiv damit auseinandersetzen.

      Viele Grüsse
      Michel Ganouchi

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