«Wofür würdest du dich entscheiden? Es richtig zu machen oder das Richtige zu tun», fragte mich einmal eine frühere Chefin. Die Antwort war mir relativ schnell klar. Wofür würdet ihr euch entscheiden?
Wenn ich auf die heutige Recruiting‑Landschaft schaue, habe ich den Eindruck, dass die aktuellen Entwicklungen auch hier eine recht deutliche Antwort geben. Mehr Automatisierung, mehr KI, mehr Effizienz, mehr Bewerbungen, mehr Selektion. Mir scheint allerdings, dass wir dabei so sehr darauf fokussiert sind, alles richtig zu machen, dass das Richtige fast schon zur Nebensache wird.
KI und Automatisierung zu nutzen ist sicherlich gut. Daran zweifle ich nicht. Aber ist es immer auch das Richtige? Ich frage mich immer öfter, ob wir Effizienz zunehmend um der Effizienz willen optimieren. Oder anders gesagt: Man kann sehr vieles richtig machen und trotzdem nicht unbedingt das Richtige tun. Vieles wird neu aufgesetzt, beschleunigt, skaliert. Ob dadurch tatsächlich bessere Entscheidungen entstehen, bleibt offen. Ich habe da meine Zweifel.
Denn neu allein reicht nicht. Das Neue muss anschlussfähig sein. An bestehende Prozesse, an Organisationen, an Menschen. Dafür braucht es Erfahrung. Und dieses Gespür dafür, wie man das Richtige richtig tut. Ein suboptimaler Prozess bleibt eben auch mit KI suboptimal. Wirkung entsteht nicht allein dadurch, dass man Dinge neu aufsetzt oder technisch aufrüstet. Sie entsteht dort, wo verstanden wird, welches Problem überhaupt gelöst werden soll.
Und genau an dieser Stelle wird es unerquicklich. Denn während wir Prozesse perfektionieren und Selektion automatisieren, wird Erfahrung plötzlich zum Störfaktor. Etwas, das früh aus dem System fällt, damit es sauber weiterlaufen kann.
Was fangen wir heute also wirklich mit all dieser Erfahrung an?
Der Blick auf die demografische Entwicklung macht deutlich, wie gross dieses Potenzial eigentlich ist. In der Schweiz öffnet sich der Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren spürbar. Zwischen 2025 und 2034 erreichen rund 230’000 Menschen mehr das Rentenalter, als junge Arbeitskräfte nachrücken. Das ist kein fernes Zukunftsszenario, sondern genau der Zeitraum, in dem heute über Recruiting‑Strategien, Automatisierung und Effizienz entschieden wird.
Vor diesem Hintergrund ist kaum erklärbar, wie leicht Erfahrung im Recruiting an den Rand gedrängt wird. Immer häufiger hört man davon, dass Menschen jenseits der 55 fast automatisch Absagen erhalten. Früh im Prozess. Effizient. Wo ist da die hochgelobte KI, die angeblich objektiver entscheiden soll? Wo sind die Skills, die überall beschworen werden, wenn langjährige Berufserfahrung faktisch kaum mehr zählt?
Umso schöner ist es, Gegentöne zu sehen. Dass Menschen über 55 längst nicht zum alten Eisen gehören, bringt die Sicherheitsfirma Certum mit ihrer Kampagne sehr treffend auf den Punkt. Im Gegenteil: Erfahrung wird dort bewusst als Edelmetall positioniert. Solche Bilder sind wichtig, weil sie Perspektiven verschieben und Diskussionen öffnen.
Noch wirksamer wird es dort, wo diese Haltung nicht bei der Botschaft stehen bleibt, sondern sich in Strukturen und Instrumenten zeigt. Das lässt sich auch bei meiner eigenen Arbeitgeberin beobachten. Nicht als Kampagne, sondern über Modelle, die beim Recruiting beginnen und sich über den Berufsweg hinweg fortsetzen.
Dazu gehören etwa Job Sharing, Top Sharing oder die sogenannte Bogenkarriere. Mein Kollege Ueli hat sich für diesen Weg entschieden. Ein beeindruckend reflektierter Mensch. Man könnte ihn auch «wunderbar lebenserfahren» nennen. Aber definitiv «kein altes Eisen».
Er ist einen Schritt nach hinten gerückt und hat die Leitung einem jüngeren Kollegen übergeben. Nicht, weil es ihn nicht mehr gebraucht hätte. Im Gegenteil. Das Neue braucht Raum für Erfahrung. Und die Erfahrung manchmal einen neuen Rahmen.
Die neue Leitung bringt neue Perspektiven ein, Ueli seine Erfahrung und Gelassenheit. Beides ergänzt sich. Und wirkt. Ganz konkret im Arbeitsalltag. Und bei der Zukunftsgestaltung. Denn auch Ueli bleibt voller Gestaltungsdrang. Aber mit den richtigen Hebeln.
Vielleicht ist genau das eine hilfreiche Haltung im Umgang mit KI und Automatisierung im Recruiting. Nicht jede technische Möglichkeit ausschöpfen zu müssen, nur weil sie existiert. Und nicht jedem Effizienz‑ oder Automatisierungsversprechen blind zu folgen. Mit etwas mehr Gesamtblick lässt sich sagen: KI und Automatisierung können unterstützen. Wirkung entsteht jedoch erst dort, wo Haltung und Instrumente zusammenspielen. Wer vorhandenes Potenzial besser nutzt – auch jenseits der 55 –, braucht vorne im Recruiting‑Prozess weniger Aktionismus.
Erfahrene Menschen wissen das. Wirkung entsteht nicht von allein. Und manchmal ist das Richtige deutlich wirkungsvoller, als ständig alles richtig machen zu wollen, nur um keinen Trend zu verpassen.
Vielleicht lohnt es sich, sich genau daran wieder öfter zu erinnern.

