2016 führte die Schildbürger GmbH Homeoffice ein (mehr dazu hier). Nun ist die Firmengeschichte, dank «Return to the Office» und künstlicher Intelligenz, um ein Kapitel reicher, wie Bloggerin Barbara Josef schreibt.
«Wir müssen es jetzt auch tun», brach der Personalleiter – pardon, neu Chief People & Culture Officer – mit ernster Miene an der Geschäftsleitungssitzung der Schildbürger GmbH die Stille der «Varia»-Runde, die sonst unausgesprochen dazu diente, früher in den Apéro zu starten. «Mein tägliches KI-Reporting zeigt, dass offenbar eine kritische Masse an Unternehmen erreicht ist, die ihre Mitarbeitenden zurück ins Büro beordern. Ich stelle deshalb den Antrag, dass wir ab morgen mit ‹Return to Office› starten und alle Mitarbeitenden wieder zu 100 Prozent im Büro arbeiten müssen.»
«Hast du versucht, ein bisschen am Prompt zu schrauben und beispielsweise Unternehmen herauszunehmen, die profitabler sind als wir?», fragte der CEO – selbst ein grosser Homeoffice-Fan – hoffnungsvoll.
«Habe ich», entgegnete der Chief People & Culture Officer. «Die Fakten sprechen eine klare Sprache.»
In diesem Moment stürmte der Chief Innovation Officer in den «Bored Room» (dieses kleine Scherzchen bei der Raumbeschriftung hatte sich die Chief Secretary erlaubt). «Sorry, sorry … Ich komme gerade aus einem Online-Seminar des MIT. Ich sage euch: Wir haben zu viel Legacy, wir sind Transformation Laggards. Zum Glück habe ich dank der Premium-Mitgliedschaft Zugang zum ‹Transformation in the Age of AI›-Blueprint. Da steht genau drin, wie wir vorgehen müssen, um die Schildbürger GmbH AI-first zu machen.»
Er knallte einen ausgedruckten Stapel auf den Tisch. Der Chief Information Officer fuhr hoch. «Müsste man diese Software dann auch auf den Heimcomputern der Belegschaft installieren?», fragte er geistesgegenwärtig.
«Moment», empörte sich der Chief People & Culture Officer. «Ich war mit meinem ‹Return-to-Office›-Antrag zuerst.»
«Ey Digga, jetzt chill mal ein bisschen», meinte da die «Gen Z Shadow CEO», die seit der letzten Weiterbildung des Chief Innovation Officers gelangweilt in jeder Geschäftsleitungssitzung Einsitz – oder besser Einliege – nahm und sich gar nicht entscheiden konnte, wen von den Anwesenden sie cringer fand. «Macht eins nach dem andern, sonst ist das alles ein bisschen too much. Und es heisst ja AI-first – also müssen wir die Reihenfolge gar nicht diskutieren, oder?»
Die Geschäftsleitung stimmte beflissen zu und setzte das Thema «Return to Office» auf den GL-Sitzungs-Parkplatz.
Zwei Wochen später lauschte die gleiche Runde gespannt dem Pitch des Chief Innovation Officers. Besonders angetan hatten es ihnen die bunt animierten Folien – auch wenn sie diese genauso wenig verstanden wie das 300-seitige KI-Konzept, das der Chief Innovation Officer mit sichtlichem Stolz verteilte. Doch der grosse Coup kam erst.
Auf ein Zeichen des Chief Innovation Officers öffnete sich die gläserne Tür, und ein Bürostuhl mit einem Flachbildschirm wurde hereingerollt. «Das ist S.T.E.F.A.N.», verkündete er verheissungsvoll. Die verdutzten Blicke seiner Kolleginnen und Kollegen deutete er als klares Anzeichen dafür, dass er ihnen intellektuell um Lichtjahre überlegen war. Mit selbstgefälligem Lächeln setzte er nach: «S.T.E.F.A.N. – ausgeschrieben ‹Strategic Transformation Enablement Framework and Alignment Network› – komplementiert ab sofort unsere Geschäftsleitung. Er hat auch das vorliegende KI-Konzept verfasst und rät darin dringend, dass wir uns zu einem ‹Augmented Management Board› weiterentwickeln: einem Gremium, das sich aus natürlicher und künstlicher Intelligenz zusammensetzt.»
«Hallo, liebe Kolleginnen und Kollegen», meldete sich S.T.E.F.A.N. übermotiviert zu Wort. «Gemeinsam werden wir die Schildbürger GmbH wieder gross machen und in eine fantastische Zukunft führen.»
Nachdem der Verwaltungsrat das neue Mitglied einstimmig bestätigt hatte, nahm S.T.E.F.A.N. offiziell Einsitz in der GL. Medien wie Kunden griffen die Neuigkeit begeistert auf. Und auch die ersten positiven Effekte – von den Schildbürger-Mitarbeitern liebevoll «tief hängendes Gemüse» genannt – liessen nicht lange auf sich warten:
- Die GL-Sitzungen dauerten nur noch halb so lange, weil S.T.E.F.A.N. stets hervorragend vorbereitet war. Entscheide fielen schneller – und vor allem einstimmig.
- Die Sales Leads verzehnfachten sich. Viele Neukunden interessierten sich allerdings weniger für die Produkte als für ein Selfie mit S.T.E.F.A.N.
- Der Fachkräftemangel löste sich praktisch über Nacht. Nicht nur, weil die Schildbürger GmbH plötzlich als innovativstes Unternehmen des Landes galt – sondern weil sich herumsprach, dass S.T.E.F.A.N. die ganze Arbeit machte.
- HR konnte von zehn Personen auf eine reduziert werden, da S.T.E.F.A.N. alle Prozesse übernahm und parallel fünf Bewerbungs- und Austrittsgespräche in unterschiedlichen Sitzungszimmern führen konnte.
- Das Marketing übertraf sich selbst und räumte sämtliche Awards des Landes ab. Dass auf den Illustrationen manchmal ein Bein fehlte, ein Finger zu viel war oder gewisse Gelenke leicht unrealistisch wirkten, konterte die Schildbürger GmbH souverän mit dem Hinweis auf Diversity.
Verwaltungsrat und Aktionäre schwebten im Glücksrausch. Seit der Ankunft von S.T.E.F.A.N. hatte sich der Aktienwert verzwanzigfacht. Das lag daran, dass die Schilda-«Bilanz» die Anzahl KI-Piloten pro FTE auswies. Da der Schildbürger-CEO das natürlich wusste, nutzte er das durch Personalabbau frei gewordene Budget gezielt, um das Anreizsystem «auf den nächsten Level» zu heben – und incentivierte Post-its mit «wilden Ideen» ebenso wie Meetings draussen auf einer grünen Wiese.
Nach der Anfangseuphorie ereigneten sich jedoch zunehmend sonderbare Dinge:
- Im Call-Center sank die Kundenzufriedenheit auf unter zehn Prozent. Das war umso erstaunlicher, als man extra eine teure KI-Lösung eingeführt hatte, die die Stimmung der Kundinnen und Kunden erkennen und den Mitarbeitenden mittels Ampel (rot für cholerisch) und vorgeschriebenem Text das perfekte «Mood-Treatment» ermöglichen sollte. Als sich später herausstellte, dass die KI gar nicht mit Menschen, sondern mit Hunden trainiert worden war, stellte man sie ab.
- Die Anzahl Piloten und Experimente ging derart durch die Decke, dass ein «AI-Ideation Roundtable», ein «AI-Pipeline Chapter», eine «AI Triage Steering Board», ein «AI-Prioritization Committee», eine «AI-Readiness Taskforce», ein «AI Safety Tribe» und ein «Responsible AI Circle» ins Leben gerufen wurden. Auch wenn die GL bedauerte, dass nach dem anfänglichen Personalabbau nun wieder zusätzliche Stellen geschaffen werden mussten, war sie felsenfest überzeugt, dass sich diese strategische Investition mehrfach auszahlen würde.
- Eine der vermeintlich erfolgreichsten «Compete Campaigns» der Schildbürger GmbH – innert nur neun Monaten hatte man den laut S.T.E.F.A.N. schädlichsten und gefährlichsten Mitbewerber ever gezielt analysiert, taktisch angegriffen und mittels radikal konsequenter Go-to-Market-Strategie unschädlich gemacht – entpuppte sich im Nachhinein als erstaunlich wirkungslos. Im Debriefing stellte sich heraus, dass S.T.E.F.A.N. den Mitbewerber frei erfunden hatte, um sich wichtig zu machen.
Erstaunlicherweise wurde die Schildbürger GmbH nur Wochen nach dieser Kampagne selbst Opfer des sehr aggressiven Marktgebarens eines neuen Start-ups. Als klar wurde, dass dieses über sämtliche – auch höchst vertrauliche – Firmeninformationen verfügte, leitete das Unternehmen eine interne Untersuchung ein. Jeder verdächtigte jeden des Hochverrats. Umso erleichterter war die GL, als die Analyse ergab, dass nicht Boshaftigkeit im Spiel war, sondern dass das «Strategic Intelligence Unit Market Research Team» zur Aufbereitung der Visualisierungen fürs GL-Meeting jeweils echte Unternehmensdaten in eine KI eingegeben hatte.
Die wohl pikanteste KI-Erfahrung machte aber das innovative Empfangsteam. Es liess am Eingang Kameras installieren, die eintretende Personen per Gesichtserkennung freundlich mit Namen begrüssen konnten – und, wenn verfügbar, auch mit ein paar Details aus den sozialen Medien: Gratulation zum neuen Hund, Kompliment zum Diäterfolg oder Beileidsbekundung zum Tod der Grossmutter und so weiter. Dies auch dann, wenn der Empfang gerade nicht besetzt war, was häufig der Fall war, da das Team in zahlreichen Komitees vertreten war und auf der 50-Prozent-Homeoffice-Quote beharrte. Eines Tages stürmte die Polizei den Empfang und beschlagnahmte sämtliche Computer inklusive Drehkreuz und Türöffnungselektronik. Später stellte sich heraus, dass die Lernenden die Software gehackt hatten, sodass dank Deepfakes die Gäste auf den Bildschirmen im ganzen Haus (gehörte zur «Customer Intimacy Initiative» des Marketings) nackt dargestellt wurden. Da ausser den Lernenden niemand den Bildschirmen Beachtung schenkte, fiel es lange nicht auf. Erst als die Lernenden die Besucherdaten im Darknet zur Aufbesserung des Lehrlingslohns anboten, kam die Polizei ihnen auf die Schliche. Dass das Empfangsteam und die Lernenden an der nächsten «Fuck-up-Night» gemeinsam den ersten Preis gewannen, stimmte nach der Hektik alle wieder versöhnlich.
Die Schildbürger GmbH wäre vermutlich auch heute noch State of the Art, hätte nicht die Regierung von Schilda – für alle ein grosser Schock – mit kurzer Vorlaufzeit die Verwendung von künstlicher Intelligenz komplett verboten. Als sofortige Konsequenz wurde S.T.E.F.A.N. entlassen, was in der GL niemand als Verlust empfand. Längst nervte es alle, dass nur S.T.E.F.A.N. in den Medien präsent war – kein Wunder: Er hatte extra zehn KI-PR-Agenten beschäftigt, die direkt mit den Newsroom-Agenten der wichtigsten Medien des Landes kommunizierten. Als sich wenig später auch noch herausstellte, dass S.T.E.F.A.N. seit längerem eine Affäre mit dem Putzroboter hatte, war man der Regierung fast schon dankbar, dass sie dem Spuk ein Ende gesetzt hatte.
Am ersten GL-Meeting ohne S.T.E.F.A.N. war wieder alles wie früher: Niemand vorbereitet, keiner pünktlich und die Diskussionen dauerten viel zu lange. Irgendwie tat das allen gut.
In der Varia-Runde meldete sich der Chief Innovation Officer zu Wort. «Ich hätte schon die nächste Idee.» Alle nickten gespannt. «Was wäre denn, wenn wir eine künstliche Dummheit lancieren würden?»

