Was der griechische Meeresgott Proteus mit meiner Karriere zu tun hat

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KarriereAnpassungsfähigkeit ist eine Voraussetzung, um in einer Zeit des Umbruchs auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Der wandelbare Meeresgott Proteus besitzt Eigenschaften, die in einer solchen Situation hilfreich sind.

Wie sich unsere Wirtschaft in den nächsten Monaten entwickeln wird, ist unsicher. Die Pandemie ist noch nicht ausgestanden. Es ist davon auszugehen, dass es weitere Veränderungen geben wird, die sich auch auf den Arbeitsmarkt auswirken. Die in den letzten Jahren stetig bröckelnde Jobsicherheit dürfte in kurzer Zeit für viele Arbeitnehmende zur veritablen Jobunsicherheit oder gar zum Verlust ihrer Arbeitsstelle führen. Zweifelsohne ist eine hohe Anpassungsfähigkeit entscheidend, um auf dem Arbeitsmarkt bestehen zu können. Arbeitsmarktfähigkeit heisst das Schlagwort, was bedeutet, dass die oder der Einzelne in der Lage ist, berufliche Optionen wahrzunehmen und umzusetzen. Voraussetzung dafür ist einmal, rein fachlich auf dem neusten Wissensstand zu sein, um einen Beruf ausüben zu können. Daneben sind weitere Kompetenzen und persönliche Eigenschaften gefragt.

Proteus macht’s vor

Douglas T. Hall, Professor für Management an der Universität Boston, empfiehlt, eine sogenannt «proteische» Haltung einzunehmen, um im heutigen Arbeitsmarkt gut bestehen zu können. Hall nimmt dabei Bezug auf den aus der griechischen Mythologie bekannten Meeresgott Proteus, der in der Lage war, je nach Situation und Bedarf verschiedene Gestalten anzunehmen, was ihn zu einem Meister der Verwandlung machte. Personen mit einer proteischen Haltung, so Hall, sind in der Lage, sich beruflich in einer rasch ändernden Umwelt gut zurechtzufinden. Sie zeichnen sich durch Eigenschaften aus, die es ihnen erlauben, eine für sie zufriedenstellende Laufbahn zu verfolgen. So übernehmen sie für sich die Verantwortung und treffen (berufliche) Entscheidungen in Einklang mit ihren Werten, wobei Freiheit, Wachstum und die Sinnhaftigkeit ihres Tuns besonders wichtig sind. Ihre Erfolgskriterien sind subjektiv, das heisst, es geht um den persönlichen, psychologischen Erfolg und weniger um objektive Erfolgskriterien wie etwa ein hohes Salär.

Personen mit einer proteischen Haltung identifizieren sich mit ihrer Tätigkeit und ihrem Beruf, nicht primär mit dem Unternehmen, für das sie arbeiten. Sie sind psychologisch und physisch flexibel, eher extrovertiert und gute Netzwerker*innen. Offen für neue Erfahrungen, sind sie bereit, kontinuierlich zu lernen und sich weiterzubilden. Dabei verfügen sie über eine hohe Selbstkenntnis, vor allem, was ihre Werte, Ziele und Entscheidungsrichtlinien anbelangt. All diese Kriterien bilden den Rahmen, um sich bei aller Beweglichkeit selbst treu zu bleiben.

Es scheint also angezeigt, oben genannte Haltungen und Eigenschaften zu pflegen und allenfalls zu stärken, da sie heute für eine erfolgreiche, im Sinne einer zufriedenstellenden, Laufbahn wichtige Ressourcen darstellen. Gerade die Selbstkenntnis ist ein zentraler Punkt, um darauf aufzubauen.

Grenzen der proteischen Karriere

Die von Hall propagierte «Proteische Karriere» wirft aber auch Fragen auf. Das selbstverantwortliche Laufbahnmanagement dürfte vor allem für hochqualifizierte und motivierte Erwerbstätige mit positiven Konsequenzen für eine zufriedenstellende Laufbahn verbunden sein. Für einen Teil der Arbeitnehmenden kann dies jedoch überfordernd sein. Soziale Verantwortung und Solidarität sind gefragt, damit diese Berufstätigen auch weiterhin einen Platz im Arbeitsmarkt haben. Ein Diskurs, der an anderer Stelle geführt werden muss.

Ein weiterer problematischer Aspekt des proteischen Typus liegt darin, dass er sich primär mit seiner Tätigkeit identifiziert, aber wie erwähnt kaum mit seinem Unternehmen. Möglicherweise mag dies vor allem auf jüngere Generationen von Erwerbstätigen zutreffen, die bereits beim Einstieg in die Arbeitswelt lernen müssen mit beruflichen Unsicherheiten umzugehen. Aber Hand aufs Herz: Als arbeitgebendes Unternehmen ist es doch gut zu wissen, dass die Mitarbeitenden gerne bei ihm arbeiten, dass sie sich entsprechend dafür einsetzen, loyal sind und die Betriebskultur aktiv mitprägen. Werte, die es sich zu pflegen lohnt. Oder anders gesagt: Es ist durchaus ratsam, die Eigenverantwortung des Individuums zu fördern, allerdings nicht einfach auf Kosten eines solidarischen Miteinanders. Hier die Balance zu halten, liegt in der Verantwortung beider Seiten – der Unternehmen und der Mitarbeitenden.

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