Der Altersdiskriminierung entgegenwirken

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Auf politischer Ebene wird gefordert, dass in der Wirtschaft die Einstellung zu älteren Arbeitnehmenden geändert und die erhöhte Belastung der Arbeitgeber bei der Vorsorge für Ältere gesenkt wird. Ein Umdenken muss aber auch bei HR-Verantwortlichen stattfinden.

«Ich bin über fünfzig – keine Chance», dies ist die weit verbreitete Meinung von Stellensuchenden 50+. Liest man Stelleninserate, haben sie Recht. Laut einer Studie des Stellenportals jobs.ch enthielten rund 43 Prozent der Stelleninserate Angaben zum idealen Alter der Bewerber. Lediglich 20 von fast 25000 Inserenten suchten gezielt nach über 45-jährigen Personen, 200 nach 35- bis 65-Jährigen. Über ein Zehntel der Stelleninserate auf jobs.ch richtete sich an jüngere Bewerber, weniger als 1 Prozent explizit an ältere.

Zahlen und Ausnahmen

Die von jobs.ch erhobenen Zahlen sprechen Klartext. Während sich die wichtigen Player auf dem arbeitspolitischen Parkett für ein Verbot von Altersangaben in Stelleninseraten stark machen und so auch dem Fachkräftemangel entgegenwirken wollen, muss man auch auf zwei weiteren Ebenen ansetzen: Bei den HR-Verantwortlichen – aber auch bei den Betroffenen selbst, die sich der Frage stellen müssen: «Was haben Sie bisher für ihre Arbeitsmarktattraktivität getan?»

Es gibt viele Erwerbstätige, die mit weit über 60 erfolgreich im Berufsleben stehen: Konzernchefs, Politiker, VIPs und Selbständigerwerbende. An ihnen soll man sich orientieren und fragen: «Wie denken, fühlen und handeln sie anders, als Personen, die oftmals frustriert möglichst früh aus dem Erwerbsleben austreten wollen?»

Rolle der HR

HR-Verantwortliche müssen umdenken. Stellenbewerber dürfen nicht mehr wegen ihres Alters automatisch auf Stapel C kommen. Jobs sollen aufgrund der fachlichen Kompetenzen und der Persönlichkeit der Bewerber vergeben werden. Das heisst nicht, dass Ältere den Vorzug haben sollen, aber eine faire Chance. Erfahrung muss mehr als bisher wertgeschätzt werden.

Die Tatsache, dass unsere Gesellschaft aus demografischen Gründen immer älter wird, darf den Jugendlichkeitswahn nicht noch verschärfen. Der Altersdiversität in Teams muss genauso Rechnung getragen werden wie der Tatsache, dass Menschen heute länger leistungsfähig bleiben und dass das Durchschnittsalter generell gestiegen ist – und weiter steigen wird. Wir können es uns als Gesellschaft bald nicht mehr leisten, auf die motivierte Mitarbeit von älteren Erwerbstätigen zu verzichten – umdenken muss man jetzt.

9 comments for “Der Altersdiskriminierung entgegenwirken

  1. Wieser Kurt
    3. April 2016 at 12:12

    Konzernchefs, Politiker, VIPs und Selbständigerwerbende; Das sollen unsere Musterbeispiele sein? Wie ist es denn mit jenen, die im Hintergrund tagtäglich die Knochenarbeit im Anstellungsverhältnis machen? Mit „normalen“ Büezern mit Fachausweisen, Berufsbildungen, die ihre Weiterbildungen by doing abschuften (in Eigenverantwortung) und kaum vom Unternehmen bezahlte, anerkannte „Kürsli“ bekommen? Wenn sie jahrelang Bewerbungen schreiben bis es lächerlich wird, sollen sie dann noch das Etikett „Opferhaltung“ aufgedrückt bekommen, weil niemand sie mehr braucht und will (u.a. da junge zu importieren günstiger ist). Die Rahmenbedingungen für einfache Facharbeiter über 50 sind !!! schwierig und wer mal Ausgesteuert in der Sozialhilfe strandet hat kaum noch die (finanzielle) Möglichkeit sich Weiterzubilden oder gar Neuzuorientieren; und wenn sie noch so sehr möchten!!!

  2. 15. Februar 2016 at 13:09

    Dass Stellensuche 50+ eine grosse Herausforderung ist, ist eine Tatsache. In Gesellschaft, Wirtschaft und Politik gibt es da noch viel zu tun. Wer aber selbst betroffen ist, kann nicht darauf warten, sondern muss bei sich selbst ansetzen. Immer mal wieder. Es beginnt eben nicht erst mit 50 Jahren, dass man die eigene Berufsattraktiviät selbst gestalten soll. Dazu gehört Weiterbildung, die letztlich nicht Sache des Arbeitgebers ist, sondern in der Eigenverantwortung jedes Einzelnen liegt. Klugerweise handelt man proaktiv.
    Es heisst, ab und zu einen Stopp im Ameisenrennen einzulegen, eine Standortbestimmung vorzunehmen und sich die Frage „Würde ich mich selbst gern einstellen?“ ganz ehrlich zu beantworten. Man muss sich auch klar werden, welche Grundeinstellung man zur Arbeit man . Ein Klient antwortete einmal wie aus der Kanone geschossen auf die Frage „Was bedeutet Arbeit für Sie?“: „Ein notwendiges Übel!“ Er war zum dritten Mal entlassen worden, das letzte Mal mit der Begründung, er demotiviere seine Mitarbeitenden. Der Mann hat verstanden, dass er zuerst seine Einstellung zur Arbeit und zu sich selbst verändern musste und er wollte zugleich seine Arbeitsmarktfähigkeit auf Vordermann bringen.
    Mit der Zeit nimmt die Seele die Farbe der Gedanken an – und die strahlt man unbewusst aus. Ich bin aus meiner eigener Erfahrung davon überzeugt, dass man sich auch 60+ nochmals neu beruflich positionieren kann. Ich mag meine Arbeit!

  3. 14. Februar 2016 at 15:53

    Ältere Bewerber nicht zu berücksichtigen, ist sicher ein Riesenfehler, den man beim Recruitment machen kann. Aber ich denke, dass auch ein Headhunter heute nicht zu sehr aufs Alter achtet.

  4. 14. September 2015 at 11:26

    Im Moment läuft beim Schweizer Fernsehen eine Sendung, die sich mit dieser Problematik befasst: http://www.srf.ch/sendungen/srf-bi-de-luet , ab 33.20 (Zeit).
    Zu hoffen ist, dass das Thema Altersdiskriminierung immer wieder aufgegriffen wird.

  5. 22. April 2015 at 13:13

    Ein Stück weit haben wir es da auch mit einem psychologischen Phänomen zu tun: Wer mit einer Opferhaltung antritt, wird auf der Verliererseite stehen und wem dauernd gesagt wird, wie schwierig die Rahmenbedingungen seien, der glaubt das schliesslich auch. Wann kommt jemand und zeigt auf, wo die Chancen liegen? Und dass die Verantwortung weder allein auf Arbeitgeber- noch auf Arbeitnehmerseite zu suchen ist?

    Die Beratungsdienste für Ausbildung und Beruf (ask!) haben die Zeichen der zeit erkannt. Sie ermutigen die 4074 über 50-jährigen Stellensuchenden im Aargau noch vermehrt, selber aktiv zu werden und nicht passiv darauf zu warten, dass irgendjemand die Altersdiskriminierung beseitigt. In Einzelberatungen und Kursen können Interessierte lernen, wie sie sich altersadäquat und selbstbewusst in der Arbeitswelt positionieren können.

    Und für alle Nicht- oder Noch-nicht-Betroffenen lässt sich daraus eine Empfehlung ableiten: Es lohnt sich, sich von Zeit zu Zeit einige Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Bin ich als Arbeitnehmer attraktiv für den Arbeitgeber? Verfüge ich über die richtigen Kompetenzen? Könnte ich mein Potenzial auch anders nutzen? Und dann gilt es, je nach Antwort allenfalls rechtzeitig die Konsequenzen zu ziehen. Sei es Weiterbildung, eine Neuorentierung – oder sich eine neue Stelle zu suchen.

  6. Peter Leutwiler
    12. April 2015 at 12:53

    Solange Headhunter nicht umdenken, weiterhin blutjunge Hoch- und Fachhochschulabgänger im Recruiting eingesetzt werden, wird sich dies wohl erst änderen, wenn zuwenig Bewerber auf dem Markt sind und das passiert erst in 5 – 10 Jahren!

    • 13. April 2015 at 16:43

      Die Frage ist vielleicht eher die: Wie haben es Bewerber 50+ oder gar 60+ geschafft, eine Stelle zu ergattern? Wie denken sie über sich selbst, was haben sie zu bieten, wie machen sie sich einzigartig? Welche Argumente haben sie, wie grenzen sie sich gegen jüngere Mitbewerbende positiv ab. Je mehr ältere Arbeitnehmende sich selbstbewusst kommunizieren und erfolgreich positionieren, umso schneller könnte ein Umdenken beginnen.
      Toll, wenn Headhunter und Personalverantwortliche schon vorher umdenken – egal, wie alt sie sind.

      • 19. April 2015 at 23:47

        … wer kennt eigentlich die Beweggründe für das Phänomen? Wer genauer hinschaut wird feststellen, dass der gesamte Arbeitsmarkt eher am Stagnieren bzw. Schrumpfen ist. Offene Stellen mag es schon geben, aber nicht in diesem Ausmaß wie es gesagt, bzw. gemessen wird. Der geforderten Flexibilität kann nur in wenigen Fällen gefolgt werden (doppelarbeitende Erziehende) und Wissen und Lebenserfahrung ist gar nicht so gefragt, wie man es gerne hätte. Wer bezahlte Arbeit hat, kann sich glücklich schätzen, sofern man gerne arbeitet. Die Aufforderung zu mehr Selbstbewusstsein klingt dabei einwenig zynisch.

    • Jürgen Kahlert
      14. September 2015 at 10:53

      Ich kann da nur zustimmen, mit Headhunter und Personalvermittler habe ich selbst einige Erfahrungen gemacht und habe selbst in dieser Branche auch ein halbes Jahr gearbeitet. Jetzt bin ich seit einem Jahr auf Stellensuche.
      Oftmals wurde mir am Telefon schon gesagt dass z.b. für Stellen im Verkaufs Innendienst nur Leute bis 30 Jahre gesucht werden weil dies die Kunden der Vermittler angeblich so wünschen, selbst dann wenn man sich als kompromissbereit beim Lohn zeigt.
      Un der Artikel hat Recht, die HR Verantwortlichen und die Personalvermittler inkl. vieler Chefs von KMU’s müssen umdenken.

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