Stur oder einfach zielstrebig?

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KarriereWie andere Sie einschätzen und welches Bild Sie von sich selbst haben, hängt wesentlich davon ab, wie und in welchem Umfeld Sie Ihre Stärken ausleben. Genauer hinzuschauen lohnt sich, um für sich und andere wertvolle (Selbst-)Erkenntnisse zu gewinnen.

An einem Vorstellungsgespräch präsentieren wir unsere Kompetenzen und Stärken. Die einen sind vielleicht stolz, besonders flexibel und kreativ zu sein, andere wollen etwa durch ihre strukturierte Art oder ihre Zielstrebigkeit überzeugen. Was sich hinter diesen abstrakten Begriffen verbirgt, zeigt sich aber erst in konkreten Situationen und wird je nach Umfeld eher positiv oder negativ beurteilt. Ausgeprägtes Durchsetzungsvermögen etwa mag in der Management-Etage gut ankommen, kann aber in einer beratenden Funktion auf Ablehnung stossen.

Zudem sind die Qualitäten, Eigenschaften und Werte keine absoluten Grössen. Vielmehr sind sie unterschiedlich stark ausgeprägt. So kann es vorkommen, dass grundsätzlich positive Eigenschaften übertrieben in Erscheinung treten und entsprechend negativ eingestuft werden. Sparsamkeit beispielsweise wird meistens als Tugend gewertet. Wird sie aber übertrieben, kann sie in Geiz umschlagen.

Wer im Beruf erfolgreich sein will, möchte, dass seine Talente und Werte als Stärken wahrgenommen werden. Es lohnt sich daher, diese einmal genauer anzuschauen, sich selbst und seine Mitarbeitenden zu beobachten. Wenn wir bei anderen etwa (vermeintliche) Schwächen identifizieren, sollten wir uns die Frage stellen, welche positiven Aspekte diese in sich bergen.

Werte- und Entwicklungsquadrat als Orientierungshilfe

Mit dem «Werte- und Entwicklungsquadrat» lassen sich Werte und Eigenschaften im Sinne von Stärken, aber auch damit verbundene Schwächen einer Person sowie mögliche Entwicklungswege festhalten. Das ursprünglich von Nicolai Hartmann stammende Modell wurde von Paul Helwig weiterentwickelt und schliesslich vom Kommunikationspsychologen Friedemann Schulz von Thun für die zwischenmenschlichen Kommunikation und zur Persönlichkeitsentwicklung genutzt.

Nehmen wir zur Erklärung des Modells die Eigenschaft «Mut» (Abbildung 1). Diese steht in einem positiven Spannungsverhältnis zur Eigenschaft «Vorsicht», der auch Schwesterwert genannt wird. Im Grunde sind beides positive Eigenschaften. Es geht stets darum, eine Stärke – hier der Mut – in Balance zu seinem positiven Gegenwert, also zur Vorsicht, zu leben. Wird der Mut nun übertrieben, kann er in Übermut und Leichtsinn umschlagen. Umgekehrt kann sich übertriebene Vorsicht als Feigheit äussern. Tendiert jemand zu Übermut und Leichtsinn, geht ein Entwicklungsschritt hin zur Vorsicht. Neigt jemand eher zur Feigheit, gilt es, Mut zu entwickeln. Wie Abbildung 2 zeigt, geht die Entwicklung stets in Richtung der Diagonalen.

Abbildung 1: Das Werte- und Entwicklungsquadrat nach Friedemann Schulz von Thun.*

Abbildung 2: Diagonale Pfeile zeigen Entwicklungsrichtungen.*

Es braucht häufig etwas Zeit, um zu positiven und negativen Eigenschaften den passenden Schwesterwert zu finden und zu definieren, was dieser genau beinhaltet.

Eigene Werthaltung hinterfragen

Als Beobachterin oder Beobachter von anderen ist es zudem ratsam, sich selbst in Relation zu diesen Eigenschaften zu setzen. Dazu ein Beispiel: Arbeiten Sie sehr strukturiert, mögen Ihnen Mitarbeitende, die im Berufsalltag eine gewisse Spontaneität zeigen, allenfalls als eher chaotisch erscheinen. Ihre Überlegung ist dann, dass da unbedingt mehr Struktur rein müsste. Anstatt in einem Entwicklungsgespräch nun gleich auf das Defizit hinzuweisen, ist es wirksamer, zuerst die darin enthaltene Stärke zu würdigen und ab da den Bogen von der negativen Übertreibung gleich zur positiven Gegenqualität zu spannen. Dabei kann der Gegenwert der Übertreibung ganz ausgelassen werden.

Anders gesagt: Was mir als Übertreibung erscheint, also chaotisch, zeigt sich in einem vernünftigen Mass in Form von Spontaneität oder Flexibilität. Ein durchaus lobenswerter Zug. Diesem gegenüber steht als positive Gegenqualität die Struktur. Dahin geht der Entwicklungsschritt. Die Übertreibung der Struktur, also die Rigidität oder Unbeweglichkeit, ist im Gespräch kein Thema. Dieses Vorgehen hilft, den Weg zu einem konstruktiven Dialog zu ebnen.

Probieren Sie es doch einmal für sich aus. Zu welchen Schlüssen kommen Sie?

*Quelle der Abbildungen / ScreenShots und zur weiteren Information: https://www.youtube.com/watch?v=RPDxoERvNgo

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