Tabuthema Verwaltungsrat

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HR-Praxis

Warum sind in heutigen Verwaltungsräten nur vereinzelt HR-Profis zu finden? Sind zwischenmenschliche Faktoren in der strategischen Ausrichtung nicht vorgesehen – oder wird die HR-Arbeit im Verwaltungsrat verkannt?

Heute, an diesem Veranstaltungsort ist einiges anders als gestern: überall Strassensperren und Schranken. Damen in schicken Kleidern weisen Leute ein und sind in organisatorische Aufgaben vertieft. Auch die Männer in ihren dunklen Anzügen mit Sonnenbrille und Knopf im Ohr sind nicht zu übersehen.

Wenig später fahren schwarze Limousinen vor. Ihnen entsteigen ältere Herrschaften, vielfach graumeliert. Rasch verschwinden sie durch einen Seiteneingang ins Gebäude. Die Herren – da und dort auch vereinzelt Damen – sind unschwer als Verwaltungsräte auszumachen.

Noch heute kann man dieses Schauspiel an vielen Generalversammlungen grosser Unternehmen beobachten. Und genau dieses Bild war es, das mich zu diesem Blog motiviert hat.

Finanzkräftige Eminenzen, ausgewiesene Fachleute aber auch verglühte Politsterne sind es, die als oberstes Aufsichtsorgan des Unternehmens dessen Geschicke leiten. Finanzielle Interessen, Netzwerke und Seilschaften haben sie zusammengebracht. Weitab in anderen Sphären tragen sie – laut Obligationenrecht – die oberste Verantwortung.

Und wie sieht es an der Basis aus? Change Prozesse, Digitalisierung und Innovation drängen vermehrt in den Alltag. Die Herausforderungen, gerade auch für die leitenden Führungskräfte, werden immer komplexer, die Arbeitswelt ist in raschem Wandel. Und noch immer macht führen einsam. Flache Hierarchien gehören längst zum Alltag und Kommunikation ist als Schlüsselkompetenz erkannt.

Ist denn all dies der obersten Führungsebene verborgen geblieben? Noch immer ist der Austausch VR-GL, nebst der hierarchischen Gliederung, formell geregelt und nur auserwählten Mitgliedern vorbehalten. Wäre es nicht sinnvoll, wenn einzelne Geschäftsleitungsmitglieder Profis aus dem Verwaltungsrat als Sparringpartner in Anspruch nehmen könnten? Ein HR- oder auch Marketingfachmann/frau als Beispiel, jemand der es versteht aufgrund seiner Erfahrungen die richtigen Fragen zu stellen? Nein, nicht die Kontrollfunktion soll im Mittelpunkt stehen, vielmehr geht es um einen konstruktiven Austausch. Bezüglich der HR-Themen kann eine Aussensicht zum Beispiel im Rahmen der Personalstrategie, in Benchmark-Erkenntnissen oder auch bezüglich Sensibilisierung der Unternehmenskultur wertvolle Impulse liefern.

Die Antwort in der Praxis ist in den meisten Fällen «Nein». Ganz einfach, weil der HR-Gedanke auch im Jahr 2019 kaum in einem Verwaltungsrat vertreten ist. Aber warum? An der Tätigkeit kann es wohl kaum liegen, wird doch behauptet, dass die Menschen den Erfolg einer Firma wesentlich beeinflussen. Vielleicht wird ja die Kompetenz der Position in Frage gestellt – zugegeben, nicht alle Leistungsträger haben bemerkt, dass die Tätigkeit des Human Resources sich in den letzten Jahren enorm gewandelt hat. Reine Personalarbeit und etwas Schulpsychologie genügen längst nicht mehr, um den komplexen Anforderungen gerecht zu werden.

Ich plädiere dazu, dass HR-Verantwortliche künftig in Verwaltungsräten sitzen. Sie ergänzen das Gremium mit dem notwendigen Verständnis menschlicher Kompetenz. Nicht zuletzt fördert dies auch die Idee, die operativen HR-Verantwortlichen als Sparringpartner zu gewinnen.

Als ich vor einigen Tagen einem Verwaltungsrat von der Idee zu diesem Blog erzählte, hörte er interessiert zu. «Ein spannender Gedanke», antwortete er schliesslich. «Aber solange es die anderen nicht tun, wird sich diese Idee nicht durchsetzen.» Eine Antwort, die mich nachdenklich stimmte…

10 comments for “Tabuthema Verwaltungsrat

  1. 9. Mai 2019 um 15:24

    «Ich plädiere dazu, dass HR-Verantwortliche künftig in Verwaltungsräten sitzen. Sie ergänzen das Gremium mit dem notwendigen Verständnis menschlicher Kompetenz.» Das reicht leider nicht, damit HR-Profis in den VR gewählt werden. Da der VR ein strategisches Gremium ist, braucht es die Fähigkeit, den strategischen Stellenwert langjähriger, motivierter und engagierter Mitarbeiter/innen auf allen Ebenen aufzuzeigen sowie das Knowhow, wie das unternehmensspezifisch erreicht werden kann und es braucht das notwendige «Standing» der HR-Leute im Management, dass sie auch als echte «Business Partner» ernst genommen werden. Dies alles fehlt leider häufig.

    • 9. Mai 2019 um 16:01

      Lieber Herr Haldimann

      Absolut einverstanden mit Ihrer Ergänzung und ja, Sie haben recht, auch viele HR Führungskräfte müssten einen Schritt in die von Ihnen angedeutete Richtung vollziehen. Ich glaube, dafür braucht es Menschen mit sehr viel Erfahrung und vor allem gereifte Persönlichkeiten welche über die Fähigkeit verfügen, ein Unternehmen im strategischen Sinne ganzheitlich zu erfassen. … aber ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass die richtigen Firmen zur rechten Zeit solche Menschen finden :-)
      Liebe Grüsse
      Markus Marthaler

  2. 19. April 2019 um 11:54

    Eine Chance für die Unternehmen, aber auch eine Bereicherung und Wertschätzung für die HR-Fachleute und ihre (nicht immer nur angenehme) Arbeit.

    • 30. April 2019 um 11:42

      … arbeiten wir daran um die Chance zu nutzen.

      Liebe Grüsse und besten Dank

      Markus

  3. 19. April 2019 um 10:00

    Der Gedanke, dem Faktor Mensch oder dem Humankapital im Verwaltungsrat eine Stimme zu geben, ist richtig und wichtig. In anderen Ländern wird das durch Einsitz von Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsgremium abgebildet, aber das ist auch keine perfekte Lösung. Die Frage ist, wie die eigentlich schon recht alte Idee von HR Kompetenz im Verwaltungsrat jetzt endlich realisiert werden könnte.

    Wie wäre es, wenn wir es einmal mit einer anderen Perspektive versuchen? Wer entscheidet denn über die Zusammensetzung des Verwaltungsrats? Die Eigentümer. Wer ist der wichtigste Typus von Eigentümern? Die Pensionskassen. Wer führt die Pensionskassen? Ein paritätisch mit Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern besetzter Stiftungsrat.

    Wenn die Stiftungsräte der Schweizer Pensionskassen nicht nur an den Abstimmungen im Rahmen von Generalversammlungen teilnehmen, sondern aktiv fordern würden, dass sie eine stärkere Diversität in den Verwaltungsräten wollen (mehr Frauen, mehr unterschiedliche Altersgruppen) und dass sie das Humankapital dezidiert in Form von HR Profis in diesen Gremien vertreten sehen wollen, dann würde sich etwas ändern. Davon bin ich überzeugt.

    • 30. April 2019 um 11:36

      Lieber Matthias

      Deine Worte in Gottes Ohr :-)

      Besten Dank für Deinen Beitrag

      Liebe Grüsse
      Markus

  4. Alexander Beck
    18. April 2019 um 19:03

    Lieber Markus

    Einmal mehr hast du einen ausgezeichneten Riecher für brandaktuelle Theman. Dein Beitrag bringt es auf den Punkt.

    Es entstehen jedoch erste zarte Pflänzchen und in kleineren und mittelgrossen KMU findet ein Wandel statt. Erste HR Kollegen nehmen Einsitz in ein VR Gremium, das für die strategische Ausrichtung der Unternehmungen verantwortlich ist. Und hier kommt ein springender Punkt: Viele HR-ler Denken und Handeln zu wenig gesamt unternehmerisch und strategisch. Wenn wir den strategischen Mehrwert unserer Arbeit aufzeigen und nachweislich belegen können, werden wir zukünftig auf Augenhöhe mit einem CFO, CMO oder CIO operieren.
    Ich freue mich über jede Nominierung eines HR Kollegen in den VR.

    • 30. April 2019 um 11:38

      Lieber Alexander

      Danke Dir für den wertvollen Beitrag, und ja, es gibt noch viel zu tun. Ich bin, wo immer es sinnhaft mit wertvollen Menschen möglich ist, dabei einen Beitrag zu leisten.

      Liebe Grüsse
      Markus

  5. Reto Alois Landtwing
    18. April 2019 um 18:06

    Hoi Markus
    So lange es die anderen nicht tun – man muss es selber machen um zum Ziel zu gelangen.
    Du hast so recht mit deinen Gedanken im Blog.
    Schöne Ostern und Gruss
    Reto

    • 30. April 2019 um 11:41

      Lieber Reto

      Auch Dir ganz lieben Dank für die Worte.. und für die Blumen.

      Liebe Grüsse
      Markus

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