Unsicherheit können wir nicht wegmanagen, aber…

…dort handeln, wo wir Einfluss haben. Doch überhaupt nur schon zu erkennen, wie und wo das geht, ist alles andere als einfach. Je unsicherer die Welt, desto wichtiger wird es, Selbstwirksamkeit zu bewahren und zu stärken.

Das Jahr begann mit verunsichernden Nachrichten. Für die Gesellschaft, die Schweiz, die Wirtschaft und die geopolitische Weltordnung. Entwicklungen, die wir kaum beeinflussen können und die uns dennoch beschäftigen. Diese Unsicherheit lässt sich weder wegmanagen noch erfolgreich ignorieren. Umso wichtiger wird die Frage: Wo haben wir Handlungsspielraum? Wo können wir bewusst Einfluss nehmen?

Es geht dabei nicht um Vorsätze, sondern darum, dort Kontrolle zurückzugewinnen, wo sie real möglich ist. Gerade in herausfordernden Zeiten wird persönliche «Agency*» zu einem zentralen Stabilitätsfaktor – besonders im Berufsleben, einem Bereich, in dem wir mehr gestalten können, als wir glauben.

Arbeit als Ort von Gestaltung – oder von Ohnmacht

Unser Berufsleben nimmt einen grossen Teil unseres Lebens ein, entsprechend stark prägt es unser Wohlbefinden: Sitzen wir selbst am Steuer oder fühlen wir uns fremden Kräften ausgeliefert? Unklare Erwartungen, ungelöste Konflikte, aufgeschobene Gespräche oder jahrelange Unzufriedenheit führen zu Frust und innerem Rückzug. Oft geschieht das leise und kaum sichtbar. Hier beginnt das, was als «innere Kündigung» bezeichnet wird – nicht aus Haltung, sondern als Folge fehlender Handlungen.

Ich möchte einen anderen Ansatz vorschlagen, denn: Im Arbeitsalltag gibt es mehr Spielraum, als wir wahrnehmen. Dazu gehört, schwierige Themen anzusprechen, statt sie weiter mitzutragen. Erwartungen zu klären, anstatt sie unausgesprochen wirken zu lassen. Gespräche zu führen, auch wenn sie unangenehm sind. Doch damit solche Gespräche überhaupt entstehen, braucht es eine Kultur von Sicherheit und Vertrauen. Weil Fragen, die still im Raum stehen, selten von selbst verschwinden. Oft sind sie viel später immer noch da. Nicht jedes Gespräch löst sofort alles. Aber jedes geführte Gespräch ist ein Schritt aus der inneren Ohnmacht – hin zu aktiver Gestaltung.

Besonders deutlich zeigt sich das bei Menschen, die seit Jahren unzufrieden im Job sind – innerlich im Wartemodus, in der Hoffnung auf Veränderung, ohne diese aktiv anzugehen. Zum Jahresbeginn lohnt sich eine ehrliche Zwischenbilanz: Ist meine Situation wirklich zufriedenstellend? Gibt es Chancen für Verbesserung durch Klarheit, Gespräche oder bewusste Anpassungen? Oder braucht es eine ganz andere Entscheidung? Auch Nicht-Entscheiden ist eine Entscheidung, oft sogar die anstrengendste. Man überlässt sie den Umständen und riskiert, irgendwann von einer extern getroffenen Veränderung überrascht zu werden. Gleichzeitig gehen Energie, Motivation und innere Ruhe verloren.

Im vergangenen Jahr habe ich viele Gespräche mit Menschen geführt, die einschneidende berufliche Entscheidungen getroffen haben. Rückblickend berichten viele, dass ein selbst getroffener Entscheid, so unsicher er auch war, mehr innere Ruhe und Zufriedenheit gebracht hat als das jahrelange Abwarten davor.

Agency zeigt sich auch in der Frage der Weiterentwicklung. Sie bedeutet, die eigene berufliche Zukunft aktiv zu gestalten: Welche Fähigkeiten möchte ich aufbauen? Welche Rolle strebe ich an? Wo und wie eigne ich mir neues Wissen an? Entwicklung ist heute kein Selbstläufer mehr, sondern verlangt Eigenverantwortung, Orientierung und Gespräche über Erwartungen, Perspektiven und nächste Schritte. Klarheit über die eigenen Ziele und ein gemeinsames Verständnis über nächste Schritte schaffen Verbindlichkeit und geben Planungssicherheit – auf beiden Seiten.

Talent-Entwicklung aus Unternehmenssicht

Die Nachfrage verschiebt sich von Fach- zu Transfer- und Entscheidungskompetenzen, von statischen Rollen zu adaptiven Profilen und von Jobtiteln zu konkreter Wirksamkeit. Menschen, die ihre berufliche Entwicklung aktiv steuern, bleiben handlungsfähig, auch in volatilen Kontexten.

Auch Unternehmen stehen in der Verantwortung. Talent Development ist kein Zusatzthema, sondern strategisch essenziell. Insbesondere vor dem Hintergrund von Fachkräftemangel, Skills-Shift, Remote-Mobilität und gestiegenen Optionen für Fach- und Führungskräfte. Wer Entwicklung nicht bewusst gestaltet, überlässt sie den Umständen und unvorhergesehenen Einflüssen. Mit dem Risiko, dass sich diese Dynamik verselbstständigt und das zu weitreichenden Konsequenzen für das Unternehmen führen kann.

Führung, Entscheidungswege, Lernsysteme und Talentarchitekturen werden also (noch mehr) zum Wettbewerbsfaktor. Unternehmen, die hier investieren, sichern sich nicht nur Skills, sondern Loyalität, Beitrag und Zukunftsfähigkeit. Für Unternehmen wie für Individuen gilt: Weiter wie bisher reicht nicht mehr. Nicht in einem Umfeld, das sich so schnell verändert. Und nicht in einer Arbeitswelt, in der Talente Optionen haben. Die zentrale Frage lautet daher nicht: Wie verhindern wir innere Kündigungen? Sondern: Wo nehmen wir Handlungsspielraum wahr und wo stärken wir ihn bewusst?

Daraus ergeben sich zentrale Fragen für Organisationen:

  • Welche Skills brauchen unsere Mitarbeitenden, um die Zukunft zu meistern?
  • Welche Kompetenzen sind heute relevant, welche werden morgen entscheidend sein?
  • Wie viel fachliches Know-how, wie viel Leadership und Führungskompetenz benötigen wir?
  • Und vor allem: Haben – oder schaffen – wir die Rahmenbedingungen, damit Entwicklung tatsächlich möglich ist?

Gerade in herausfordernden Zeiten rund um Recruiting und Fachkräftemangel ist Agency auf Unternehmensseite entscheidend: zuhören, investieren, Perspektiven schaffen und klare Entscheide treffen. Führung, Kommunikation, Entscheidungswege, Arbeitsmodelle und Entwicklungsmöglichkeiten spielen dabei eine zentrale Rolle.

Kein Vorsatz, sondern bewusste Schritte

Vielleicht geht es dieses Jahr weniger um Vorsätze. Sondern darum, dort zu handeln, wo wir es können: Gespräche führen, statt aufzuschieben. Entscheidungen treffen, statt zu verharren. Weiterentwicklung aktiv gestalten, statt auf bessere Zeiten zu warten. In einer Welt voller Unsicherheit ist gelebte Agency im Arbeitsleben kein Nebenthema, sondern eine Quelle von Stabilität, Orientierung und Kraft– für Arbeitnehmende ebenso wie für Unternehmen.


*Agency beschreibt hier die selbstbestimmte Handlungsfähigkeit innerhalb vorgegebener Strukturen.

 

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