Wenn Karrieren stocken, geht es selten nur um fehlende Stellen. Häufig ist der Beziehungsraum zwischen Mitarbeitenden und Organisation verengt: Erwartungen bleiben diffus, Perspektiven unklar, Zutrauen wird nicht erlebbar. Was die Forschung dazu sagt – und wie HR und Führung Enttäuschung konstruktiv bearbeiten können.
«Ich sehe mich längst im nächsten Schritt – aber es passiert einfach nicht.» Solche Sätze sind in Mitarbeitergesprächen und Executive Coachings vertraut.
Karriereschritte stehen für viele Menschen nicht nur für Status oder Einkommen, sondern für Anerkennung, Entwicklung und soziale Teilhabe. Bleibt diese Perspektive aus, entsteht Enttäuschung – oft leise, aber mit spürbaren psychosozialen Folgen. Die Forschung beschreibt dieses Erleben als «Career Plateau». Studien zeigen, dass subjektiv erlebter Karrierestillstand mit sinkender Arbeitszufriedenheit, emotionaler Erschöpfung und Leistungsabfall einhergeht. Entscheidend ist dabei nicht nur die objektive Situation, sondern die Wahrnehmung fehlender Entwicklung.
Karriere entsteht im Beziehungsraum
Karriere vollzieht sich nicht isoliert, sondern im Beziehungsraum einer Organisation – also in dem sozialen Möglichkeitsraum, der durch Kommunikation, Entscheidungslogiken, Führung und Anerkennung entsteht. In diesem Raum orientieren sich Mitarbeitende permanent. Sie fragen sich: «Wird mein Beitrag wirklich gesehen? Welche Perspektiven habe ich? Wie darf ich mich entwickeln?»
Stockt die Karriere, ist dieser Raum häufig verengt. Nicht zwingend durch ein klares Nein, sondern durch Unklarheit: widersprüchliche Signale, informelle Erwartungen, ausbleibende Entscheidungen. Forschungen zum psychologischen Vertrag zeigen, dass solche impliziten Erwartungsverletzungen zu Rückzug, Demotivation und Vertrauensverlust führen.
Wenn Enttäuschung entsteht
Enttäuschung ist kein Zeichen mangelnder Resilienz, sondern ein Beziehungssignal. Sie entsteht dort, wo Einsatz, Loyalität und Verantwortung nicht mit einer nachvollziehbaren Perspektive beantwortet werden. Bleibt dieser Zustand bestehen, verengt sich der Beziehungsraum weiter: Motivation kippt in Anpassung, Engagement endet in innerem Rückzug.
Studien zeigen weiter, dass die Wahrnehmung organisationaler Fairness eine zentrale Rolle spielt. Wird Karrierestillstand als unfair oder intransparent erlebt, verstärken sich negative Effekte auf Leistung und Bindung.
Wie HR und Führung konkret handeln können
Wesentlich ist: Enttäuschung lässt sich nicht «wegmoderieren». Sie braucht Bearbeitung im Beziehungsraum:
- Enttäuschung anerkennen: Sie klar zu benennen («Ich sehe, dass Sie enttäuscht sind») wirkt deeskalierend und schafft Beziehungsklarheit.
- Erwartungen explizieren: Was genau war der erhoffte Karriereschritt? Wodurch wurde diese Erwartung genährt? Unklarheit und diffuse Karriereversprechen erzeugen mehr Frust als ein klares Nein.
- Realität transparent machen: Nicht nur sagen, dass etwas nicht möglich ist, sondern weshalb (Struktur, Timing, Markt). Transparenz und echte Bereitschaft zum Entwicklungsdialog schützen vor innerer Kündigung.
- Entwicklung sichtbar ermöglichen: Wenn eine Beförderung im gewünschten Sinne nicht möglich ist, brauchen Menschen zumindest erlebbare Entwicklungen mit direktem Bezug zu den individuellen Bedürfnissen. Das können sein: Projektverantwortung, Aufgabenanreicherung, Stellvertretungen. Forschung zeigt, dass solche aktiven Bewältigungsstrategien die Motivation stabilisieren können.
- Optionen offenlegen: Ehrliche Gespräche über interne und externe Perspektiven erweitern den Beziehungsraum. Relevante Optionen reduzieren den psychischen Druck, erhalten die Handlungsfähigkeit und stärken die Selbstwirksamkeitserwartung. Und ja, manchmal soll man Reisende auch ziehen lassen – in einer Beziehungsqualität, die eine Rückkehr erlaubt.
Entwicklung trotz Stillstand
Ansätze wie Job- und Career-Crafting zeigen empirisch positive Effekte: Selbstwirksamkeit, Beschäftigungsfähigkeit und Sinn erleben lassen sich auch ohne formale Beförderung stärken. Entscheidend ist, dass Entwicklung nicht nur versprochen, sondern konkret erfahrbar und aktiv unterstützt wird.
Fazit
Wenn Karrieren nicht weitergehen, ist das selten nur ein individuelles Thema. Es ist ein Beziehungssignal an die Organisation. Die Forschung zeigt klar: Karrierestillstand wirkt belastend – vor allem dann, wenn Erwartungen diffus bleiben und Perspektiven fehlen. HR und Führung können den Beziehungsraum erweitern, indem sie Klarheit schaffen, Enttäuschung ernst nehmen und echte Entwicklungsoptionen anbieten. Karriere entsteht nicht allein durch Positionen, sondern durch einen Beziehungsraum von Orientierung, Fairness und Zutrauen.
