Jenseits der Pension: Warum Unternehmen das Potenzial älterer Mitarbeitender nutzen sollten

Immer mehr Menschen in der Schweiz arbeiten über das Referenzalter hinaus – motiviert durch Sinnstiftung und soziale Kontakte. Das Forschungsprojekt AGEWISE zeigt auf, wie HR-Verantwortliche diese wertvolle Zielgruppe durch flexible Strukturen binden können.

«Jeden Mittwochmorgen trifft sich Susanne (68) mit zwei jüngeren Projektleitenden zum Austausch. Offiziell ist sie bereits pensioniert, doch im Unternehmen arbeitet sie weiterhin einige Stunden, im Stundenlohn, pro Woche. Ihre Erfahrung ist gefragt, besonders wenn es um schwierige Kundinnen und Kunden komplexe Projekte geht. Für die jüngeren Kollegen und Kolleginnen ist sie Mentorin, für das Unternehmen eine wichtige Wissensträgerin.» Solche Situationen zeigen, wie ältere Mitarbeitende auch jenseits des Referenzalters wertvolle Erfahrung einbringen und Organisationen bereichern können.

Tatsächlich ist Weiterarbeit nach dem Erreichen des Referenzalters längst keine Ausnahme mehr. In der Schweiz arbeitet ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung über das ordentliche Rentenalter hinaus: Rund 30 Prozent der Männer und 21 Prozent der Frauen zwischen 65 und 69 Jahren bleiben weiterhin erwerbstätig, wie eine Studie von Swiss Life von 2023 zeigt. Gleichzeitig wächst die ältere Bevölkerung stetig, über 1,2 Millionen Menschen in der Schweiz sind heute über 65 Jahre alt, wie das Bundesamt für Statistik ausweist. Weiterarbeit im Alter ist damit für viele Realität, geprägt von Sinnstiftung, sozialer Teilhabe und teilweise auch finanziellen Überlegungen, wie der Altersmonitor von Pro Senectute zur Altersarmut in der Schweiz zeigt.

Genau dieser Frage widmet sich das Forschungsprojekt AGEWISE der OST – Ostschweizer Fachhochschule¹. Das Projekt wird von Dr. Sarah Speck vom Institut für Altersforschung (IAF) geleitet und in Zusammenarbeit mit dem Institut für Diversität und Neue Arbeitswelten (iDNA) sowie dem Institut für Soziale Arbeit und Räume (IFSAR) umgesetzt.

Warum viele Menschen über das Rentenalter hinaus arbeiten möchten

Die Ergebnisse einer Online-Umfrage im Rahmen von AGEWISE zeigen: Weiterarbeit im Alter ist für viele eine reale Option. Rund 40 Prozent der Befragten arbeiten über das Rentenalter hinaus, meist in Teilzeit oder projektbasiert. Insgesamt nahmen 188 Personen an der Umfrage teil, 137 füllten sie vollständig aus.

Finanzielle Gründe spielen zwar eine Rolle, sind jedoch selten der Haupttreiber. Viel stärker wirken intrinsische Faktoren: 84 Prozent nennen Freude an der Arbeit, knapp 79 Prozent die empfundene Sinnhaftigkeit ihrer Tätigkeit. Auch soziale Kontakte und der Wunsch, weiterhin einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, werden häufig genannt.

Arbeit kann damit im Alter weit mehr sein als eine Einkommensquelle. Sie bietet Struktur, soziale Einbindung und Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung – Faktoren, die auch für Wohlbefinden und Gesundheit relevant sind, wie Analysen von Gesundheitsförderung Schweiz zeigen.

Wo strukturelle Hürden liegen

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse: Die bestehenden Arbeitsstrukturen sind oft noch nicht darauf ausgerichtet, dass Menschen über das Referenzalter hinaus tätig bleiben möchten oder die Möglichkeit dazu erhalten.

Zu den häufigsten Barrieren zählen körperlich oder psychisch belastende Arbeitsbedingungen, Altersdiskriminierung sowie fehlende Weiterbildungsmöglichkeiten. Besonders in körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten kann die Arbeitsbelastung im höheren Alter eine Weiterarbeit erschweren. Mehrere Befragte berichteten zudem, dass sie gerne weiterarbeiten würden, dies jedoch von den Arbeitgebenden nicht vorgesehen oder erlaubt wurde, etwa aufgrund betrieblicher Regelungen oder fehlender Modelle für eine Weiterbeschäftigung nach dem ordentlichen Rentenalter.

Besonders deutlich wird auch die Bedeutung von Flexibilität: Mehr als drei Viertel der Befragten nennen flexible Arbeitszeiten als zentralen Faktor, um weiterhin arbeiten zu können oder zu wollen.

Dass hier Handlungsbedarf besteht, zeigt auch eine aktuelle Studie von Rundstedt und HR Today. Trotz Fachkräftemangel beobachten 77 Prozent der HR-Verantwortlichen Altersdiskriminierung, und viele Unternehmen befürworten zwar die Rekrutierung älterer Mitarbeitende, setzen diese jedoch nur begrenzt um.

Von Potenzial zu Praxis: Was HR konkret tun kann

Für HR und Führungskräfte ergibt sich daraus eine wichtige Chance. Unternehmen können gezielt Rahmenbedingungen schaffen, die eine freiwillige Weiterarbeit ermöglichen und gleichzeitig Mehrwert für Organisation und Mitarbeitende schaffen.

Ein wichtiger Hebel sind flexible Arbeitsmodelle, etwa Teilzeitlösungen, projektbasierte Einsätze oder saisonale Arbeit. Ebenso relevant ist ein gesundheitsorientiertes Jobdesign, beispielsweise durch ergonomische Anpassungen oder eine realistische Arbeitsbelastung. Auch Weiterbildung spielt eine zentrale Rolle. Gerade im Bereich digitaler Kompetenzen haben ältere Mitarbeitende häufig weniger Zugang zu Trainings. Unternehmen können hier gezielt Angebote schaffen, um Kompetenzen zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Nicht zuletzt stärkt Wissenstransfer zwischen Generationen Organisationen nachhaltig. Mentoringprogramme oder Peer-Formate ermöglichen es älteren Mitarbeitenden, ihre Erfahrung weiterzugeben und gleichzeitig aktiv eingebunden zu bleiben.

Generationenfreundliche Arbeitswelten als Zukunftsaufgabe

Die Ergebnisse von AGEWISE zeigen deutlich: Erwerbstätigkeit über das Rentenalter hinaus ist keine Randerscheinung. Sie kann sowohl für Mitarbeitende als auch für Unternehmen eine Win-Win-Situation darstellen, vorausgesetzt, Arbeitsbedingungen sind flexibel, gesundheitsfördernd und wertschätzend gestaltet. Angesichts des demografischen Wandels lohnt es sich für Unternehmen daher, ältere Mitarbeitende nicht nur als «bald pensioniert» zu betrachten, sondern als wichtige Ressource für Erfahrung, Stabilität und Wissenstransfer.

Aufbauend auf den Erkenntnissen aus AGEWISE wird derzeit an der OST – Ostschweizer Fachhochschule ein Folgeprojekt vorbereitet, das generationenfreundliche Arbeitsgestaltung weiter untersucht, bestehende Modelle auf ihre Praxistauglichkeit testet und konkrete Instrumente für Unternehmen entwickeln soll.


¹Speck, S., Ruther, L. & Misoch, S. (2023): Digital Participation among People aged 50+ in Switzerland: Insights to Course Offers and Training Experiences. International Conference on Information and Communication Technologies for Ageing Well and e-Health (ICT4AWE 2023), ISBN 978-989-758-645-3, ISSN 2184-4984, pages 48-58.

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