Der Weckruf, den niemand hören will

Christoph Jordi HR StrategieWährend du diese Zeilen liest, hat ein KI-Agent irgendwo gerade drei Bewerbungsgespräche geführt, fünf Entwicklungspläne erstellt und nebenbei die Lohnrunde vorbereitet. Und? Wie läuft’s bei dir so?

Ich weiss, ich weiss. Es nervt. Du hast schon tausend Artikel über KI gelesen. Noch einer, der dir erzählt, dass alles anders wird. Aber hier ist die Sache: 2026 wird nicht das Jahr, in dem HR über KI nachdenkt. Es wird das Jahr, in dem du darüber nachdenken solltest, was KI mit dir macht statt darüber, was man mit KI so alles tun kann.

Der blinde Fleck

Die meisten HR-Strategien für 2026, die mir über den Tisch kommen, lesen sich wie Wunschzettel an den Weihnachtsmann:

«Wir wollen attraktiver werden!» oder «Wir setzen auf Digitalisierung!» oder «Mitarbeitende stehen im Zentrum!».

Alles nett. Alles richtig. Alles komplett nutzlos.

Das WEF prognostiziert, dass 44 Prozent aller Kompetenzen in den nächsten Jahren obsolet werden. Nicht in zwanzig Jahren. Jetzt. Und was steht in deiner HR-Strategie zum Skill-Shift? Wahrscheinlich: «Wir haben ein LMS gekauft.»

Ein Schweizer Industrieunternehmen hat letztes Jahr mehrere Millionen in so ein System investiert. Login-Rate nach zwölf Monaten? 12 Prozent. Das ist, als würde man einen Porsche kaufen und ihn dann in der Garage verrotten lassen.

Die drei unbequemen Fragen

Bevor du deine HR-Strategie 2026 finalisierst, stell dir drei Fragen:

Erstens: Wer führt bei KI – du oder die IT? Die meisten Unternehmen haben KI in die IT-Abteilung abgeschoben. Ein fataler Fehler. KI ist kein Technologiethema. Es ist ein Menschenthema. Es geht vor allem um Change! Wer soll denn die Mitarbeitenden durch den grössten Wandel seit der Industrialisierung begleiten? Der Netzwerkadministrator?

Zweitens: Was passiert mit den Jobs, die verschwinden? Laut einer McKinsey-Studie können heute schon 20 Prozent aller Tätigkeiten automatisiert werden. Hast du eine Antwort für die Menschen, deren Jobs betroffen sind? Wo ist deine Skill-Shift Strategie? Oder hoffst du einfach, dass sich das Problem von selbst löst?

Drittens: Arbeitest du am System oder nur im System? Eine HR-Leiterin erzählte mir kürzlich, sie habe keine Zeit für Strategie, weil sie den ganzen Tag operative Brände löscht. Das ist, als würde der Kapitän sagen, er habe keine Zeit zu navigieren, weil er ständig Wasser schöpft. Irgendwann sinkt das Schiff.

Was wirklich zählt

Die erfolgreichen HR-Teams, die ich 2025 begleiten durfte, haben drei Dinge gemeinsam:

  1. Sie sind radikal fokussiert. Statt zehn mittelmässige Initiativen zu fahren, identifizieren sie jeden Monat die drei grössten People-Bottlenecks und lösen nur diese. Alles andere wird automatisiert, delegiert oder gestrichen.
  2. Sie behandeln KI-Agenten wie neue Teammitglieder. Mit Onboarding. Mit Performance-Messung. Mit klaren Verantwortlichkeiten. Klingt absurd? Ist es nicht. Wer Agenten als bessere Eingabemasken betrachtet, verschenkt 90 Prozent ihres Potenzials.
  3. Sie haben den Mut, unbequem zu sein. Eine CHRO hat kürzlich ihrem CEO öffentlich widersprochen, als dieser alle zurück ins Büro holen wollte. Sie legte Daten vor, die eine 40 Prozent höhere Fluktuation prognostizierten. Er änderte seine Meinung. Und respektiert sie seither mehr.

Das eigentliche Problem

Der grösste Feind der HR-Strategie 2026 ist nicht fehlende Technologie. Es ist nicht das Budget. Es ist nicht mal der Fachkräftemangel. Es ist die Anziehungskraft des Status quo. Es ist die gelernte Hilflosigkeit, die wir zelebrieren:

«Wir bekommen kein Budget!»

«Die IT hat keine Zeit für uns!»

«Wir müssen zuerst die Geschäftsleitung fragen.»

«Der CEO wurde dazu noch nicht abgeholt.»

«Wir müssen das zuerst mit dem Rechtsdienst abklären.»

«Dazu brauchen wir das Marketing.»

Das operative Hamsterrad ist anstrengend, ja. Aber es ist auch Komfortzone. Man ist beschäftigt, man wird gebraucht, man hat einen vollen Kalender. Das fühlt sich gut an. Strategisch zu arbeiten bedeutet, Entscheidungen zu treffen, die wehtun. Prozesse zu killen, die jemand mal geliebt hat. Unbequeme Wahrheiten auszusprechen.

2026 sind HR strategische Weichenstellungen gefordert. Lass uns beweisen, dass wir nicht die Abteilung sind, die Formulare verwaltet, sondern die, die das Unternehmen durch die grösste Transformation seit Generationen führt.

Die HR-Abteilungen, die 2030 noch existieren, werden die sein, die 2026 unbequem waren.

Die Frage ist nur: Traust du dich das?

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